Die Werksschließungen in Hamburg und Bitterfeld, die der Chemiekonzern Evonik am 11. September 2026 angekündigt hat, betreffen nach eigenen Angaben rund 50 Beschäftigte im Bereich Kosmetik- und Pflegeprodukte sowie rund 40 Beschäftigte in der Chlorsilan-Produktion. Beide Standorte sollen erst 2027 schließen, Hamburg zur Jahresmitte, Bitterfeld Ende April. Dieser Leitfaden ordnet, was belegt ist, welche Fristen gelten und wie sich die lange Vorlaufzeit nutzen lässt.

Er ersetzt keine arbeitsrechtliche Beratung. Für deinen Einzelfall sind der Betriebsrat, sofern es einen gibt, die zuständige Gewerkschaft und ein Fachanwalt für Arbeitsrecht zuständig. Eine Vermittlung in eine neue Stelle kann dabei niemand garantieren.

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Was Evonik für Hamburg und Bitterfeld am 11. September angekündigt hat

In der Pressemitteilung „Evonik konzentriert Geschäfte in Deutschland“ kündigt der Konzern zwei Werksschließungen im deutschen Produktionsnetz an. Am Standort Hamburg arbeiten laut Evonik derzeit rund 50 Beschäftigte im Bereich Kosmetik- und Pflegeprodukte, zugeordnet zur Business Line Care Solutions. Der Standort soll zur Mitte des kommenden Jahres schließen, die Aktivitäten werden nach Essen an die dortige Goldschmidtstraße verlagert. Als Grund nennt Evonik eine schwache globale Wirtschaftsentwicklung und anhaltenden Margendruck im internationalen Wettbewerb.

Rund 40 Beschäftigte arbeiten dagegen in Bitterfeld, in der Produktion von Chlorsilanen für die Business Line Smart Effects. Dieser Standort soll Ende April 2027 schließen. Als Gründe nennt die Mitteilung anhaltend herausfordernde Marktbedingungen für hochreines Siliciumtetrachlorid, ein steigendes Angebot aus Asien und eine seit längerem unzureichende Auslastung der Anlagen. Die Belieferung der Kunden soll künftig vor allem über den Standort Rheinfelden erfolgen.

Maximilian Morin, der für die Business Line Care Solutions verantwortlich ist, wird in der Mitteilung zitiert: Die Entscheidung stelle für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Hamburg „einen tiefgreifenden Einschnitt“ dar. Eine Gesamtzahl über beide Standorte nennt die Pressemitteilung selbst nicht, nur die zwei Einzelzahlen. Das Fachmedium chemietechnik.de addiert beide Werte redaktionell zu rund 90 Beschäftigten, eine Summe, die Evonik selbst nicht verwendet.

Wer dein Arbeitgeber ist und was zum größeren Sparprogramm gehört

Die Pressemitteilung selbst nennt außer der Evonik Industries AG mit Sitz in Essen keine einzige Gesellschaft mit eigener Rechtsform. Presseberichte ordnen den Hamburger Standort der Evonik Dr. Straetmans GmbH in Hamburg-Rahlstedt zu. Für Bitterfeld nennen Branchenverzeichnisse die Evonik Operations GmbH im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen. Beide Zuordnungen sind nach Presseberichten plausibel, im Pressetext bestätigt Evonik sie nicht.

Für dich zählt deshalb nicht, wie ein Konzern in der Presse heißt, sondern welche Gesellschaft in deinem Arbeitsvertrag und auf deiner Gehaltsabrechnung steht. Nur diese Angabe sagt verbindlich, wer dein Arbeitgeber ist und welche Kündigungsfrist für dich gilt.

Der aktuelle Vorgang lässt sich leicht mit einem größeren Sparprogramm verwechseln, das Evonik bereits am 22. Juni 2026 verkündet hatte: Von 2027 bis Ende 2029 sollen konzernweit 3.200 weitere Stellen wegfallen, 2.150 davon in Deutschland, zusätzlich zu rund 2.800 Stellen von Oktober 2023 bis Ende 2026. Die Zahlen dazu stehen in unserer Übersicht zu diesem Programm. Die Pressemitteilung vom 11. September 2026 zu Hamburg und Bitterfeld erwähnt das Programm mit keinem Wort, und keine der ausgewerteten Quellen ordnet die beiden Standorte in dessen Zahlen ein.

Warum die normalen arbeitsrechtlichen Regeln gelten

Für Hamburg und Bitterfeld gibt es kein Insolvenzverfahren und keinen Antrag darauf. Evonik stellt die Schließungen selbst als unternehmerische Entscheidung eines wirtschaftlich aktiven Konzerns dar, der 2025 nach eigenen Angaben 14,1 Milliarden Euro Umsatz erzielt hat. Eine Registerabfrage über die Konzernmutter und die beiden wahrscheinlich zuständigen Tochtergesellschaften ergab keinen Treffer. Das bedeutet, dass die Sonderregeln eines gerichtlichen Verfahrens hier nicht greifen. Stattdessen gilt, was für jedes ungekündigte Arbeitsverhältnis gilt: Dein Arbeitgeber schuldet dir das Gehalt bis zum vereinbarten oder gekündigten Ende. Wie lange deine Beschäftigung noch läuft, hängt an einer Kündigung, deiner Betriebszugehörigkeit und einem möglichen Tarifvertrag. Nach Paragraf 622 BGB beträgt die gesetzliche Grundfrist vier Wochen zum Fünfzehnten oder zum Monatsende, bei einer Kündigung durch den Arbeitgeber gestaffelt nach Betriebszugehörigkeit von einem Monat zum Monatsende ab zwei Jahren bis zu sieben Monaten ab 20 Jahren, Tarifverträge können davon abweichen.

Ein stillgelegtes Werk beendet ein Arbeitsverhältnis nicht von selbst.

Die Fristen, die schon jetzt zählen

Nach Paragraf 38 Absatz 1 SGB III meldest du dich spätestens drei Monate vor dem Ende deines Arbeitsverhältnisses arbeitsuchend, liegen zwischen Kenntnis und Ende weniger als drei Monate, bleiben dir drei Tage ab Kenntnis. Eine verspätete Meldung kann eine Sperrzeit von einer Woche auslösen (Paragraf 159 Absatz 6 SGB III), die kostenfreie Servicenummer für Arbeitnehmer lautet 0800 4 5555 00.

Nach Zugang einer schriftlichen Kündigung bleiben dir drei Wochen für eine Kündigungsschutzklage (Paragraf 4 KSchG), danach gilt eine Kündigung nach Paragraf 7 KSchG als von Anfang an wirksam. Ein Aufhebungsvertrag gehört vor der Unterschrift in fachkundige Hände: Wer sein Arbeitsverhältnis ohne wichtigen Grund selbst aufgibt, riskiert beim Arbeitslosengeld eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen (Paragraf 159 Absatz 3 SGB III). Arbeitslosengeld 1 beträgt danach rund 60 Prozent des letzten Nettoentgelts, mit Kind 67 Prozent (Paragraf 149 SGB III).

Öffentlich dokumentiert ist bislang keine einzige Kündigung, und laut Evonik wird der Umgang mit den Beschäftigten in Hamburg und Bitterfeld erst in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretungen erarbeitet.

Was sich aus dem Kosmetiklabor und der Chlorsilan-Produktion übertragen lässt

Der Hamburger Betrieb entwickelte nach Presseberichten zur Übernahme 2017 alternative Konservierungssysteme für Kosmetikprodukte. Das deutet auf Tätigkeiten in Rezeptur- und Formulierungsentwicklung, analytischer Qualitätskontrolle sowie Zulassungs- und Dokumentationsarbeit nach der EU-Kosmetikverordnung hin. Wer über Jahre Prüfprotokolle geführt und regulatorische Vorgaben nachverfolgt hat, bringt eine Sorgfalt mit, die sich auf digitale Dokumentationsprozesse in anderen Branchen übertragen lässt.

Die Herstellung von hochreinem Siliciumtetrachlorid in Bitterfeld ist verfahrenstechnisch anspruchsvoll und sicherheitskritisch. Wer dort in Anlagenführung, Gefahrstoffmanagement oder Instandhaltung nach engen Sicherheits- und Reinheitsvorgaben gearbeitet hat, bringt eine Prozessdisziplin mit, die in der Prozessautomatisierung branchenübergreifend gefragt ist. Auch die kaufmännischen und administrativen Funktionen an beiden Standorten, von Einkauf bis Personalverwaltung, sind branchenneutral und lassen sich mit digitalen Werkzeugen direkt weiterentwickeln.

Ein möglicher Anschluss ist der Digitalisierungsmanager für Prozessautomatisierung und Künstliche Intelligenz: vier Monate in Vollzeit, montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr, 720 Unterrichtseinheiten, komplett online, ohne Programmierkenntnisse als Voraussetzung, DEKRA-zertifiziert. Finanzieren lässt er sich über einen Bildungsgutschein nach Paragraf 81 Absatz 4 SGB III, den die Agentur für Arbeit ausstellt. Bei bewilligtem Gutschein liegt dein Eigenanteil bei 0 Euro, über die Bewilligung entscheidet die Agentur für Arbeit im Einzelfall, und eine Vermittlung in eine neue Stelle kann dabei niemand garantieren. Weil dein Arbeitsverhältnis bis 2027 unverändert fortbesteht, lohnt sich der Blick auf Paragraf 81 Absatz 1 SGB III: Danach lässt sich eine Weiterbildung auch fördern, um eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden, vorausgesetzt eine Beratung durch die Agentur für Arbeit findet vor Kursbeginn statt. Neben einer laufenden Vollzeitstelle lässt sich der Kurs nicht belegen.

Wer bereits Arbeitslosengeld bezieht, kann es während einer mit Bildungsgutschein geförderten Weiterbildung weiterbeziehen (Paragraf 144 SGB III), wobei je zwei Tage Weiterbildung die Anspruchsdauer um einen Tag mindern (Paragraf 148 Absatz 1 Nummer 7 SGB III). Kinderbetreuungskosten können pauschal mit 160 Euro je Kind und Monat übernommen werden (Paragraf 87 SGB III).

Aus unserer Sicht liegt die eigentliche Besonderheit dieses Falls im Maßstab. 50 und 40 Stellen sind bei einem Konzern mit rund 31.000 Beschäftigten weltweit ein Rundungsposten, für die Betroffenen in Hamburg-Rahlstedt und Bitterfeld-Wolfen aber der eigene Arbeitsplatz. Essen liegt von Hamburg rund 400 Kilometer entfernt, Rheinfelden von Bitterfeld rund 470, ein Umzug ist für die wenigsten eine einfache Option, auch wenn er auf dem Papier wie ein sozialverträglicher Ausweg aussieht.

Zugleich bietet kaum ein anderer Fall so viel Vorlauf: Zwischen der Ankündigung und der Schließung liegen in Bitterfeld gut sieben, in Hamburg rund neun Monate, Zeit, die sich nutzen lässt, ohne dass überhaupt schon eine Kündigung vorliegt. Wer heute weiß, dass der Arbeitsplatz zum Frühjahr oder Sommer 2027 wegfällt, kann sich bei der Agentur für Arbeit beraten lassen, bevor die Lage akut wird. Wer aus einem stark regulierten, dokumentationslastigen Produktionsumfeld kommt, unterschätzt in unserer Erfahrung regelmäßig, wie gut sich die eigene Sorgfalt auf Prozessautomatisierung und digitale Qualitätssicherung übertragen lässt.

Ob eine Weiterbildung dazu passt, entscheidest du selbst, sie ist eine Möglichkeit neben einer Bewerbung in der Region oder einem Wechsel innerhalb des Konzerns. Weitere Orientierung gibt unsere Übersicht zum Stellenabbau in der Industrie.

Häufige Fragen

Wer zahlt mein Gehalt bis zur Schließung meines Standorts?

Evonik zahlt dein Gehalt bis zum Ende deines Arbeitsverhältnisses aus dem laufenden Geschäft. Es gelten die normalen arbeitsrechtlichen Regeln mit deiner vertraglichen, tariflichen oder gesetzlichen Kündigungsfrist.

Muss ich mich schon jetzt arbeitsuchend melden, obwohl die Schließung erst 2027 kommt?

Die Pflicht zur Meldung setzt erst ein, sobald du dein persönliches Enddatum kennst, spätestens drei Monate davor. Eine frühzeitige Beratung bei der Agentur für Arbeit schadet der späteren Frist nicht.

Zählen die Stellen in Hamburg und Bitterfeld zum großen Evonik-Sparprogramm von Juni 2026?

Nein, das Programm vom 22. Juni 2026 ist eine eigene, frühere Ankündigung mit eigenen Zahlen, die die Pressemitteilung vom 11. September 2026 zu Hamburg und Bitterfeld nicht erwähnt.

Wer ist mein Arbeitgeber, wenn die Pressemitteilung keine Gesellschaft nennt?

Verbindlich steht das nur in deinem Arbeitsvertrag und auf deiner Gehaltsabrechnung. Presseberichte ordnen Hamburg der Evonik Dr. Straetmans GmbH und Bitterfeld vermutlich der Evonik Operations GmbH zu, im Pressetext bestätigt Evonik das nicht.

Kann ich schon während der laufenden Beschäftigung eine Weiterbildung vorbereiten?

Ja, über Paragraf 81 Absatz 1 SGB III lässt sich eine Weiterbildung auch fördern, um eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden, wenn vorher eine Beratung durch die Agentur für Arbeit stattfindet. Der Kurs selbst läuft dann erst, wenn er sich nicht mehr mit einer laufenden Vollzeitstelle überschneidet.

Quellen

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