Der Industriedienstleister Bilfinger mit Sitz in Mannheim plant einen Stellenabbau: Im Programm „Agile“ könnten nach Angaben des Unternehmens weltweit bis zu 1.500 Stellen betroffen sein. Dieser Leitfaden ordnet ein, was belegt ist, welche Fristen gelten und wie du die Zeit nutzen kannst, solange nichts entschieden ist.
Eine arbeitsrechtliche Beratung ersetzt der Text nicht. Verbindlich beraten dich der Betriebsrat, die für deine Gesellschaft zuständige Gewerkschaft und ein Fachanwalt für Arbeitsrecht. Eine Vermittlung in einen neuen Job kann niemand garantieren.
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Was Bilfinger am 16. September mitgeteilt hat
Am 16. September 2026 veröffentlichte die Bilfinger SE eine Ad-hoc-Mitteilung und eine Pressemitteilung. Darin senkt das Unternehmen seine Prognose für 2026 und stellt das Programm „Agile“ vor. Laut Ad-hoc-Mitteilung hat der Vorstand es am selben Tag beschlossen, die Pressemitteilung spricht davon, dass er es initiiert hat. Es soll Ressourcen bündeln, Kapazitäten flexibler an die Marktlage anpassen und eine globale Organisation für interne Dienstleistungen aufbauen.
Zur Zahl der Stellen heißt es in der Pressemitteilung wörtlich: „Weltweit könnten davon bis zu 1.500 Stellen betroffen sein. Alle Schritte werden eng mit den Sozialpartnern abgestimmt.“ Die Zahl ist damit eine Obergrenze für den gesamten Konzern. Ab 2028 soll das Programm laut Unternehmen jährlich rund 75 Millionen Euro einsparen.
Die Stellenzahl ist als Obergrenze angekündigt, einen Zeitplan für den Abbau selbst nennt keine der ausgewerteten Quellen.
Als Grund beschreibt die Pressemitteilung eine wachsende Zurückhaltung der Kunden bei Neuaufträgen und bei Abrufen aus bestehenden Rahmenverträgen. „Als wesentlicher Treiber dieser Entwicklung gilt der länger als erwartet andauernde Krieg im Mittleren Osten“, heißt es dort. Laut FAZ vom 17. September 2026 sagte Schulz, als Dienstleister vor Ort könne Bilfinger die Beschäftigten „nicht vorhalten oder auf andere Projekte legen“.
Was für Deutschland feststeht und was offen ist
In Deutschland beschäftigte Bilfinger laut Geschäftsbericht Ende 2025 5.987 Menschen. Wie viele der laut Unternehmen weltweit bis zu 1.500 möglicherweise betroffenen Stellen auf Deutschland entfallen, nennen weder das Unternehmen noch die Presseberichte. Laut FAZ machte Schulz deutlich, „dass ein Teil der Maßnahmen auch den Heimatstandort Deutschland betreffe“, und schloss betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. „Nicht ausgeschlossen“ heißt weder geplant noch angekündigt.
Als Richtung nennt Schulz laut FAZ, kleinere Standorte zusammenzuführen, größere aufzubauen und eine globale Einheit für interne Dienstleistungen zu schaffen. Welche Standorte, Gesellschaften und Tätigkeiten betroffen sein könnten, steht in keiner der ausgewerteten Quellen.
Eine öffentliche Stellungnahme von Betriebsräten oder Gewerkschaften fand sich bis zum 21. September 2026 ebenfalls in keiner davon.
Dein Arbeitgeber, dein Gehalt, deine Kündigungsfrist
Dein Gehalt zahlt weiterhin die Gesellschaft, bei der du angestellt bist, aus dem laufenden Geschäft.
Ein Insolvenzverfahren gibt es nicht, damit greift auch keine der Sonderregeln, die nur in einem solchen Verfahren gelten. Für dein Arbeitsverhältnis gelten die normalen arbeitsrechtlichen Regeln.
Die Bilfinger SE in Mannheim ist die Konzernobergesellschaft. Auf seiner deutschen Länderseite führt der Konzern mehrere Tochtergesellschaften auf, darunter die Bilfinger Engineering & Maintenance GmbH, die nach eigener Darstellung mehr als 3.000 Mitarbeiter hat, und die Bilfinger ISP Germany GmbH mit Hauptsitz in Herne. Wer bei Bilfinger in Deutschland arbeitet, dürfte deshalb häufig bei einer Tochter angestellt sein. Betriebsrat, Tarifbindung und Ansprechpartner hängen an der jeweiligen Gesellschaft; welche es ist, zeigen dein Arbeitsvertrag und deine Gehaltsabrechnung.
Maßgeblich ist deine vertragliche, tarifliche oder gesetzliche Kündigungsfrist. Nach Paragraf 622 BGB beträgt die Grundfrist vier Wochen zum Fünfzehnten oder zum Monatsende. Kündigt der Arbeitgeber, verlängert sie sich mit der Betriebszugehörigkeit, von einem Monat zum Monatsende ab zwei Jahren bis zu sieben Monaten ab 20 Jahren. Tarifverträge können abweichen.
Fristen, die schon jetzt zählen
Nach Paragraf 38 Absatz 1 SGB III meldest du dich spätestens drei Monate vor dem Ende deines Arbeitsverhältnisses bei der Agentur für Arbeit arbeitsuchend. Liegen zwischen der Kenntnis vom Enddatum und dem Ende weniger als drei Monate, gilt eine Frist von drei Tagen ab Kenntnis. Die Pflicht besteht auch, wenn du gegen eine Kündigung klagst oder der Arbeitgeber eine Weiterbeschäftigung in Aussicht stellt. Wer sich zu spät meldet, riskiert eine Sperrzeit von einer Woche (Paragraf 159 Absatz 6 SGB III). Die kostenfreie Servicenummer für Arbeitnehmer lautet 0800 4 5555 00.
Kommt eine schriftliche Kündigung, bleiben dir drei Wochen ab Zugang für eine Kündigungsschutzklage (Paragraf 4 KSchG). Verstreicht die Frist, gilt die Kündigung nach Paragraf 7 KSchG als von Anfang an wirksam.
Falls dir ein Aufhebungsvertrag vorgelegt wird, lass ihn vor der Unterschrift vom Betriebsrat, von der zuständigen Gewerkschaft oder einem Fachanwalt für Arbeitsrecht prüfen. Wer sein Arbeitsverhältnis ohne wichtigen Grund selbst aufgibt, auch per Aufhebungsvertrag, riskiert eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen (Paragraf 159 Absatz 3 SGB III). Das Arbeitslosengeld 1 beträgt rund 60 Prozent des letzten Nettoentgelts, mit Kind 67 Prozent (Paragraf 149 SGB III).
Die Ungewissheit aktiv nutzen
Aus unserer Sicht ist das Schwierigste an diesem Fall die Leere. Bei einem Werk mit einigen hundert Beschäftigten weiß nach einer Ankündigung jeder, dass es um ihn gehen könnte. In einem Konzern mit Standorten in vielen Ländern und mehreren Gesellschaften allein in Deutschland weiß nach der Mitteilung vom 16. September niemand, ob er dazugehört, und das kann bis zu konkreten Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretungen dauern. Wer die Zeit nutzt, hat mehr Spielraum als jemand, der auf die erste Nachricht aus der Personalabteilung wartet. Die Agentur für Arbeit berät auch Beschäftigte, deren Arbeitsplatz nicht gekündigt ist. Diesen Schritt halten wir für nützlicher als jede Spekulation über Standorte.
Lesenswert ist auch der Unterschied zwischen Schlagzeile und Original. Die FAZ titelte „Bilfinger streicht 1500 Stellen“, im Text der Zeitung steht „Bis zu 1500 Stellen will der Konzern streichen“, und die Fachzeitschrift Produktion schrieb „weltweit könnten bis zu 1.500 Stellen betroffen sein“. Bei der eigenen Firma lohnt der Blick in die Originalmitteilung.
Laut FAZ sagte Schulz auch, die Digitalisierung und die neuen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz würden diese Umbauschritte „noch beschleunigen“. Dass bei Bilfinger KI Stellen ersetzt, ist damit nicht belegt. Wie Einheiten für interne Dienstleistungen grundsätzlich arbeiten, ist dagegen bekannt: Verwaltungsaufgaben aus vielen Gesellschaften werden zusammengezogen, vereinheitlicht und automatisiert, wo es geht. Wer versteht, wie ein Ablauf von der Rechnung bis zur Buchung automatisiert wird, sitzt in solchen Umbauten an einer anderen Stelle des Tisches als jemand, der nur die bisherige Handarbeit kennt.
Was Bilfinger-Beschäftigte fachlich mitbringen
Konzernweit arbeiteten Ende 2025 laut Geschäftsbericht 12.275 Angestellte und 18.474 gewerbliche Arbeitskräfte bei Bilfinger. Die folgende Zuordnung stützt sich auf die Selbstdarstellung der deutschen Gesellschaften und beschreibt typische Profile, keine einzelnen Beschäftigten:
- Instandhaltung in der Prozessindustrie heißt Stillstandsplanung, Wartungsintervalle und Dokumentationspflichten, also genau die Datengrundlage digitaler Instandhaltungsplanung.
- Arbeitssicherheit in explosionsgefährdeten Bereichen lebt von Gefährdungsbeurteilungen und Freigabeprozessen, die sich auf digitale Freigabesysteme übertragen lassen.
- Wer EMSR-Technik plant oder in Betrieb nimmt, arbeitet bereits mit Automatisierungslogik. Der Schritt zu Datenflüssen zwischen Geschäftssystemen ist kürzer, als er aussieht.
- Einkauf, Rechnungswesen, Personalverwaltung und Projektcontrolling sind typische Aufgaben, die Konzerne in zentralen Einheiten bündeln. Wer sie von innen kennt, weiß, welche Schritte sich automatisieren lassen.
Eine ehrliche Einordnung gehört dazu. Für gewerbliche Fachkräfte auf Anlagen wäre eine Weiterbildung in Prozessautomatisierung ein Wechsel vom Werksgelände an den Schreibtisch. Am nächsten liegt der Anschluss für Beschäftigte aus Planung, Einsatzsteuerung, Projektcontrolling und Verwaltung.
Für diesen Weg bieten wir den Digitalisierungsmanager für Prozessautomatisierung und Künstliche Intelligenz an: vier Monate in Vollzeit, montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr, 720 Unterrichtseinheiten, komplett online, ohne Programmierkenntnisse als Voraussetzung, DEKRA-zertifiziert. Finanzieren lässt er sich über einen Bildungsgutschein nach Paragraf 81 Absatz 4 SGB III, den die Agentur für Arbeit ausstellt. Bei bewilligtem Bildungsgutschein liegt dein Eigenanteil bei 0 Euro, über die Bewilligung entscheidet die Agentur für Arbeit im Einzelfall. Nach Paragraf 81 Absatz 1 SGB III kann eine Weiterbildung auch gefördert werden, um eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden, Voraussetzung ist eine Beratung durch die Agentur für Arbeit vor Beginn. Neben einer laufenden Vollzeitstelle lässt sich der Kurs nicht belegen. Mehr dazu steht im Beitrag zum Bildungsgutschein für Beschäftigte.
Wer bereits Arbeitslosengeld bezieht, kann es während einer mit Bildungsgutschein geförderten Weiterbildung weiter erhalten (Paragraf 144 SGB III). Je zwei Tage Arbeitslosengeld bei beruflicher Weiterbildung mindern dabei die Anspruchsdauer um einen Tag (Paragraf 148 Absatz 1 Nummer 7 SGB III). Kinderbetreuungskosten können pauschal mit 160 Euro je Kind und Monat übernommen werden (Paragraf 87 SGB III).
Ob dieser Weg zu dir passt, entscheidest du selbst, er ist eine Möglichkeit unter mehreren. Einen Blick über einzelne Betriebe hinaus bietet unsere Übersicht zum Stellenabbau in der Industrie.
Häufige Fragen
Wer zahlt mein Gehalt, während Bilfinger das Programm „Agile“ umsetzt?
Dein Gehalt zahlt weiterhin die Gesellschaft, bei der du angestellt bist, aus dem laufenden Geschäft. Es gelten die normalen arbeitsrechtlichen Regeln mit deiner vertraglichen, tariflichen oder gesetzlichen Kündigungsfrist.
Was bedeutet „weltweit bis zu 1.500 Stellen“ in der Mitteilung von Bilfinger?
Laut Pressemitteilung vom 16. September 2026 könnten weltweit bis zu 1.500 Stellen betroffen sein, das ist eine Obergrenze für den gesamten Konzern. Wie viele davon in Deutschland, in Mannheim oder an anderen Standorten liegen, nennt keine der ausgewerteten Quellen.
Bei welcher Bilfinger-Gesellschaft bin ich angestellt?
Das steht in deinem Arbeitsvertrag und auf deiner Gehaltsabrechnung. Neben der Bilfinger SE gibt es in Deutschland mehrere Tochtergesellschaften, an denen jeweils Betriebsrat und Tarifbindung hängen. Welche davon von „Agile“ betroffen sein könnte, ist nicht bekannt.
Kann eine Weiterbildung gefördert werden, solange ich noch angestellt bin?
Nach Paragraf 81 Absatz 1 SGB III ist eine Förderung auch möglich, um eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden. Voraussetzung ist eine Beratung durch die Agentur für Arbeit vor Beginn, sie entscheidet im Einzelfall. Der Digitalisierungsmanager läuft in Vollzeit, montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr, und lässt sich nicht neben einer laufenden Vollzeitstelle belegen.
Quellen
- Bilfinger SE: Bilfinger reagiert auf anhaltende geopolitische Unsicherheit (Pressemitteilung), 16.09.2026
- Frankfurter Allgemeine Zeitung, Bernd Freytag: Bilfinger streicht 1500 Stellen: Thomas Schulz im Krisenmodus, 17.09.2026
- Produktion, Stefan Weinzierl: Bilfinger senkt seine Prognose für 2026 deutlich, 17.09.2026
- Bilfinger SE: Geschäftsbericht 2025, veröffentlicht 04.03.2026
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