ESF Plus ist einer der am wenigsten bekannten Fördertöpfe in Deutschland. Für die laufende Förderperiode 2021 bis 2027 fließen rund 6,56 Milliarden Euro nach Deutschland, rund 2,22 Milliarden davon in das Bundesprogramm, 4,34 Milliarden in die Programme der Bundesländer. Wer danach sucht, findet selten eine klare Übersicht, weil die Mittel über dutzende Programme und Richtlinien verteilt sind.
Dieser Artikel zeigt, welche konkreten Programme für Weiterbildung in Frage kommen, wer profitiert und wie sich ESF-Förderung mit nationalen Töpfen wie Aufstiegs-BAföG oder Bildungsgutschein kombinieren lässt.
Was ESF Plus ist und warum dich das betrifft
Der Europäische Sozialfonds Plus ist der Nachfolger des ESF. 2021 wurde er mit dem Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP) zusammengelegt. Er ist das zentrale EU-Instrument für Beschäftigung, Bildung und soziale Inklusion.
Für dich als Weiterbildungsinteressierter heißt das: Es gibt Geld, das genau dafür da ist. Menschen bei der beruflichen Qualifizierung zu unterstützen. Und das nicht in Kleinstbeträgen, sondern im Milliardenbereich.
Das Bundesprogramm gliedert sich in fünf Förderprioritäten: nachhaltige Beschäftigung und Anpassung an den wirtschaftlichen Wandel, Existenzgründung und Unternehmertum, soziale Inklusion und Armutsbekämpfung, Investitionen in allgemeine und berufliche Bildung sowie lebenslanges Lernen, und Gleichstellung plus Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Für Weiterbildung sind vor allem die Prioritäten 1, 2 und 4 relevant.
Konkrete Programme für 2026
KOMPASS: für Solo-Selbständige
KOMPASS (Kompakte Hilfe für Solo-Selbständige) fördert individuelle Weiterbildungen mit bis zu 4.500 Euro. Solo-Selbständige bekommen bis zu 90 Prozent der nachgewiesenen Qualifizierungskosten erstattet. Die Mindestdauer der Weiterbildung beträgt 20 Stunden, abgeschlossen werden muss sie innerhalb von sechs Monaten.
Die Förderquote unterscheidet sich regional. In den alten Bundesländern (mit Berlin und der Region Leipzig) werden bis zu 40 Prozent der förderfähigen Ausgaben übernommen, in den Übergangsregionen (neue Bundesländer plus Lüneburg und Trier) bis zu 60 Prozent. Details im ausführlichen KOMPASS-Artikel.
ESF-Sozialpartnerrichtlinie
Richtet sich an Unternehmen und Sozialpartner. Fördert Projekte, die betriebliche Weiterbildung und Gleichstellung voranbringen. Wenn dein Arbeitgeber ein entsprechendes Projekt beantragt, profitierst du als Arbeitnehmer davon.
Zukunftszentren
Die Zukunftszentren unterstützen KMU und deren Beschäftigte bei der Bewältigung des digitalen und demografischen Wandels. Beratung, Qualifizierungskonzepte, begleitende Unterstützung. In jedem Bundesland gibt es mindestens ein Zukunftszentrum.
INQA-Coaching
Im Rahmen des ESF-Plus-Programms INQA-Coaching können sich Unternehmen professionell bei der Gestaltung des Wandels begleiten lassen. Aktuell läuft der Bewerbungszeitraum für neue Coaches (16. März bis 16. April 2026). Wenn dein Unternehmen ein INQA-Coaching in Anspruch nimmt, profitierst du indirekt durch bessere Arbeitsbedingungen und gezielte Qualifizierung.
MY TURN
MY TURN richtet sich speziell an Frauen mit Migrationserfahrung und unterstützt deren Arbeitsmarktintegration. Ein zweiter Förderaufruf ist seit Januar 2026 aktiv. Das Programm kombiniert Qualifizierung, Beratung und Begleitung in den Arbeitsmarkt.
Nachhaltig im Beruf (NIB)
Fördert zukunftsorientierte Ausbildung. Richtet sich vor allem an Ausbildungsbetriebe und -personal und unterstützt die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung mit Blick auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
Wie du an die Förderung kommst
Anders als beim Bildungsgutschein oder beim Aufstiegs-BAföG beantragst du ESF-Mittel meist nicht direkt als Einzelperson. Der typische Weg führt über einen Träger oder Arbeitgeber.
Als Arbeitnehmer beantragt dein Arbeitgeber oder ein Bildungsträger ESF-Mittel für ein konkretes Projekt. Du nimmst als Teilnehmer am geförderten Programm teil. Die Kosten werden ganz oder teilweise durch ESF-Mittel gedeckt.
Als Solo-Selbständiger über KOMPASS wendest du dich an eine KOMPASS-Anlaufstelle in deiner Region, bekommst im Erstgespräch deinen Qualifizierungsbedarf ermittelt, erhältst einen Qualifizierungsscheck, absolvierst die Weiterbildung und reichst die Rechnung ein. Bis zu 90 Prozent Erstattung.
Als Unternehmen prüfst du auf esf.de, ob es einen passenden Förderaufruf gibt. Projektantrag beim zuständigen Bundesministerium oder der Landesbehörde. Nach Bewilligung Projektdurchführung und Dokumentation.
Kombination mit nationalen Programmen
ESF-Mittel und nationale Förderprogramme schließen sich nicht generell aus. Möglich ist alles, solange dieselben Kosten nicht doppelt gefördert werden.
| ESF-Programm | Kombination mit | Was wird jeweils gefördert? |
|---|---|---|
| KOMPASS | Aufstiegs-BAföG | KOMPASS zahlt die Weiterbildung, BAföG den Lebensunterhalt |
| Zukunftszentren | Qualifizierungschancengesetz | Zukunftszentrum berät, QCG finanziert die eigentliche Weiterbildung |
| INQA-Coaching | Bildungsgutschein | INQA optimiert Arbeitsprozesse, BG finanziert individuelle Qualifizierung |
Was nicht geht: Dieselbe Weiterbildungsmaßnahme gleichzeitig aus ESF-Mitteln und einem Bildungsgutschein finanzieren. Jeder Euro darf nur einmal abgerechnet werden. Unterschiedliche Kostenbestandteile (Kursgebühr, Fahrtkosten, Lebensunterhalt, Materialien) dürfen aber aus unterschiedlichen Töpfen finanziert werden.
Ausblick nach 2027
Die aktuelle Förderperiode endet formal 2027. Die meisten Programme laufen wegen Auszahlung und Abrechnung bis 2028 oder 2029 nach. Die Europäische Kommission plant bereits die nächste Förderperiode ab 2028. Erfahrungsgemäß werden die Schwerpunkte Digitalisierung und Grüne Transformation noch stärker gewichtet.
Wer heute eine Weiterbildung im Bereich KI, Automatisierung oder Nachhaltigkeit absolviert, ist für die kommenden Jahre gut positioniert. Die Förderlogik geht da hin, wo der Strukturwandel am weitesten offen steht.
Wo du passende Angebote findest
Drei Anlaufstellen lohnen sich. Das ESF-Portal esf.de mit allen Bundesprogrammen und aktuellen Förderaufrufen. Die Förderdatenbank des Bundes förderdatenbank.de für eine übergreifende Suche nach allen verfügbaren Programmen, inklusive ESF. Deine lokale Agentur für Arbeit, die zu allen Fördermöglichkeiten berät, nicht nur ESF.
Als Arbeitnehmer lohnt sich die Frage beim Arbeitgeber, ob das Unternehmen an einem ESF-Projekt teilnimmt oder teilnehmen möchte. Viele Arbeitgeber wissen gar nicht, welche Fördertöpfe ihnen offenstehen. Unser Artikel zum Thema Arbeitgeber von Weiterbildung überzeugen hilft für dieses Gespräch.
Landesebene: zusätzliche Programme
Alle 16 Bundesländer haben eigene ESF-Programme aufgelegt, insgesamt 4,34 Milliarden Euro. Die Schwerpunkte unterscheiden sich je nach Land. Bayern setzt auf berufliche Qualifizierung und Integration, NRW auf Fachkräftesicherung und Potentialberatung, Sachsen auf Fachkräftegewinnung in strukturschwachen Regionen, Berlin auf Arbeitsmarktintegration und berufliche Weiterbildung.
Welche Programme in deinem Bundesland verfügbar sind, steht auf der Website deines Landesministeriums für Arbeit oder auf dem ESF-Portal.
Zahlen zum Stand Januar 2026
Bis Ende Januar 2026 hat der ESF Plus in Deutschland rund 320.000 Personen unterstützt, über 51.000 kleine und mittlere Unternehmen beraten und 45.235 Projekte gefördert. Das ist kein Nischenprogramm. Es ist ein breit aufgestelltes Förderinstrument, das bei den Menschen tatsächlich ankommt, wenn man weiß, wo man hingucken muss.
Genau da liegt in der Praxis das Problem. Wer nicht schon in einem Netzwerk drin ist (Arbeitgeber, Kammer, Bildungsträger), erfährt von den relevanten Aufrufen oft zu spät. Die Antragsfristen sind eng, die Unterlagen aufwändig. Wer eine Weiterbildung plant, sollte den ESF als zusätzliche Finanzierungsquelle prüfen, aber nicht als primäre Absicherung. Das Aufstiegs-BAföG oder der Bildungsgutschein sind für Einzelpersonen in der Regel der schnellere und sicherere Weg.
Häufige Fragen
Kann ich als Einzelperson direkt ESF-Mittel beantragen?
In den meisten Fällen nicht. Ausnahme: das KOMPASS-Programm für Solo-Selbständige. Ansonsten werden ESF-Mittel von Trägern, Unternehmen oder Institutionen beantragt, und du nimmst als Teilnehmer an den geförderten Programmen teil.
Muss ich die ESF-Förderung zurückzahlen?
Nein. ESF-Mittel sind Zuschüsse, keine Darlehen. Eine Rückzahlung ist nicht vorgesehen, solange du die Förderbedingungen einhältst, zum Beispiel die Weiterbildung abschließt.
Gilt die ESF-Förderung auch für Online-Weiterbildungen?
Ja. Viele ESF-Programme fördern auch digitale Weiterbildungsformate. Die konkrete Förderfähigkeit hängt vom jeweiligen Programm ab. Beim KOMPASS-Programm zum Beispiel sind Online-Qualifizierungen ausdrücklich zugelassen.
Wie lange läuft die aktuelle ESF-Förderperiode noch?
Die Förderperiode 2021 bis 2027 endet formal 2027. Das KOMPASS-Programm stellt Qualifizierungsschecks bis zum 29. Februar 2028 aus. Danach beginnt eine neue Förderperiode mit neuen Programmen.
Kann ich ESF-Förderung und Aufstiegs-BAföG gleichzeitig nutzen?
Ja, aber nicht für dieselben Kosten. Die ESF-Förderung kann zum Beispiel die Weiterbildungskosten abdecken, während das Aufstiegs-BAföG den Lebensunterhalt sichert. Keine Doppelförderung derselben Position.
Wo finde ich aktuelle ESF-Förderaufrufe?
Auf esf.de unter "Aufrufe und Ausschreibungen" alle aktuellen Aufrufe des Bundesprogramms. Für Landesprogramme beim Landesministerium für Arbeit nachfragen.
Bereit für deinen nächsten Karriereschritt?
Lass dich kostenlos beraten. Wir finden die passende Weiterbildung und Förderung für dich.