Der Angriff begann in der Nacht, bemerkt hat ihn am Morgen ein IT-Mitarbeiter der Stadt Tangerhütte.

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Ein Rathaus geht offline

So schildert es Hagen Woecht im Bericht des MDR vom 13. Oktober 2026. Tangerhütte liegt laut golem.de im Landkreis Stendal. Entwickelt hat die Software des digitalen Rathauses die Firma Innocon, die ihren Sitz ebenfalls in Tangerhütte hat und deren Geschäftsführer Woecht ist. Sie läuft auf IT-Systemen, die der kommunale IT-Dienstleister in Sachsen-Anhalt, KID, für die Stadt betreibt.

Nach dem Angriff wurde das Angebot zunächst abgeschaltet. Wer sich anmelden, einen Antrag stellen oder einen Termin vereinbaren wollte, musste das laut MDR wochenlang analog erledigen.

Mehrere Eckdaten bleiben offen. Wann genau der Angriff stattfand, nennt der MDR nicht, und wie viele Tage das digitale Rathaus abgeschaltet war, steht in keiner der beiden Quellen. Auch den Produktnamen der Software und die genaue Lücke nennen die Berichte nicht.

Die ersten Stunden nach Woechts Schilderung

Am Morgen nach dem nächtlichen Beginn fielen dem IT-Mitarbeiter der Stadt Unregelmäßigkeiten auf. Der Server wurde daraufhin isoliert und vom Internet getrennt. Innocon informierte weitere betroffene Kommunen. Vier davon nahmen laut Woecht ihr digitales Rathaus vorsichtshalber vom Netz, obwohl es dort keine Hinweise auf einen Angriff gab. Ausgewertet wurden die Logfiles auf einem Notebook, das selbst vom Netz isoliert war. Als Einfallstor nennt Woecht eine sogenannte Zero-Day-Lücke, also eine Schwachstelle, für die es noch kein Sicherheitsupdate gab. Man habe sie nicht gekannt, sie sei schwer zu finden, sagt er sinngemäß, und jede Software enthalte Schwachstellen.

Zum Schaden gibt es nur eine Stimme. Laut Woecht konnten die Angreifer nur auf Testkonten zugreifen und keine echten Daten erbeuten. Der Bürgermeister äußert sich nicht.

Woher die Einstufung als KI-Angriff kommt

Woecht stützt sich auf zwei Indizien. Befehle seien so schnell ausgeführt worden, wie es ein Mensch auch mit Kopieren und Einfügen nicht schaffe. Das weitere Vorgehen sei zudem nicht vorbereitet gewesen, es sei erst während des Angriffs auf dem Server der Stadt entstanden. Gegenüber dem MDR sagt er: „Wir stufen das als KI-Angriff ein.“

IT-Fachleute halten diese Schlussfolgerung für plausibel, darunter Dirk Labudde, Professor für IT-Forensik an der Hochschule Mittweida, und Marc-Oliver Pahl, Professor für Cybersicherheit an einer französischen Hochschule, laut golem.de der IMT Atlantique. Die Logfiles haben sie nicht gesehen.

Bestätigt ist die Einstufung damit nicht. Die Polizei ermittelt laut einem LKA-Sprecher wegen des Ausspähens von Daten, und ob es sich um einen KI-Angriff handelt, kann das LKA derzeit weder bestätigen noch dementieren. Abgeschlossen sind die Ermittlungen nicht. Der MDR schreibt, es wäre der erste bekannt gewordene Angriff dieser Art auf eine deutsche Stadt, golem.de titelt „Offenbar erster KI-Angriff auf deutsche Kommune“. Beides ist eine Einordnung der Redaktionen, jeweils mit Vorbehalt formuliert.

Zur Frage, ob KI beteiligt war, liegen damit die Einschätzung des Herstellers, die Zustimmung von Fachleuten ohne Einblick in die Daten und ein LKA vor, das sich nicht festlegt.

Was BSI und KID sagen

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik schreibt in einer Sicherheitsinformation, KI verändere die Cybersicherheitslage grundlegend und erfordere neue Maßstäbe in der Reaktionsgeschwindigkeit. BSI-Vizepräsident Thomas Caspers sagte dem MDR, mit KI könnten Angreifer hunderte, tausende, vielleicht zehntausende Systeme gleichzeitig angreifen. Wer sich bisher gut geschützt habe, sei aber gewappnet.

Martin Steffen, Geschäftsführer des KID, äußert sich nicht zum konkreten Vorfall. Kommunen erlebten täglich hunderte oder tausende Angriffe, sagt er. Wie Angreifer KI bereits einsetzen, war auch Thema unseres Beitrags zum Microsoft-Bericht 2026 über KI-Angriffe.

Unsere Einschätzung

Ob in Tangerhütte tatsächlich eine KI die Befehle getippt hat, werden die Ermittlungen zeigen oder offenlassen. Für einen Betrieb ist eine andere Frage ergiebiger.

Aus unserer Sicht lohnt der Blick auf die ersten Stunden. Jemand hat am Morgen etwas Ungewöhnliches bemerkt, der Server kam vom Netz, die Protokolle wurden gesichert und auf einem abgetrennten Rechner ausgewertet, und die anderen Kunden der Software erfuhren davon. Wir würden im eigenen Haus prüfen, ob diese Schritte ohne Suchen gelingen. Wer darf einen Server vom Netz nehmen, auch nachts? Wo liegen die Protokolle, und wer hat die Nummer des Softwarelieferanten griffbereit? Solange das nur im Kopf einer einzelnen Person steht, ist es kein Plan.

Bemerkenswert finden wir die Reaktion der vier anderen Kommunen. Sie haben ihr digitales Rathaus laut Woecht vom Netz genommen, obwohl bei ihnen nichts auf einen Angriff hindeutete. Das kostet Service, und gerade diese Entscheidung würden wir in einem Betrieb vorbereitet sehen wollen: Wer darf auf die Warnung eines Lieferanten hin einen Dienst abschalten, bevor ein eigener Schaden feststeht? Eine solche Warnung hilft nur, wenn beim Kunden jemand erreichbar ist, der sie liest und handeln darf.

Wir würden außerdem eine Liste anlegen, welche Dienste des eigenen Betriebs direkt aus dem Internet erreichbar sind. Den Satz des BSI-Vizepräsidenten, gut geschützte Systeme seien gewappnet, lesen wir als Auftrag. Eine Entwarnung steckt darin nicht.

Quellen

Die genannten Angaben stützen sich auf folgende öffentlich zugängliche Quellen (Stand der Recherche: 13. Oktober 2026):

Häufige Fragen

Was ist beim digitalen Rathaus von Tangerhütte passiert?

Nach einem Hackerangriff wurde das digitale Rathaus der Stadt Tangerhütte in Sachsen-Anhalt zunächst abgeschaltet. Anmeldungen, Anträge und Termine liefen laut MDR wochenlang nur analog. Wann genau der Angriff stattfand und wie viele Tage die Abschaltung dauerte, nennen die Quellen nicht.

Ist bestätigt, dass es ein KI-Angriff war?

Nein. Als KI-Angriff stuft ihn Hagen Woecht ein, Geschäftsführer des Softwareherstellers Innocon, wegen der Geschwindigkeit der Befehle und eines Vorgehens, das erst während des Angriffs entstanden sei. IT-Fachleute halten das für plausibel, ohne die Logfiles gesehen zu haben. Das LKA kann es derzeit weder bestätigen noch dementieren, die Ermittlungen laufen.

Wurden bei dem Angriff Daten erbeutet?

Laut Woecht konnten die Angreifer nur auf Testkonten zugreifen und keine echten Daten erbeuten. Das ist eine Angabe des Herstellers. Die Polizei ermittelt laut LKA-Sprecher wegen des Ausspähens von Daten, der Bürgermeister äußert sich nicht.

Was sollte ein Betrieb jetzt regeln?

Aus unserer Sicht lohnt ein Blick auf die eigenen ersten Stunden nach einem Vorfall: wer einen Server vom Netz nehmen darf, wo die Protokolle liegen und wer den Softwarelieferanten erreicht. Dazu gehört eine Übersicht, welche Dienste des Betriebs direkt aus dem Internet erreichbar sind. Das BSI schreibt, KI erfordere neue Maßstäbe in der Reaktionsgeschwindigkeit.

Wer im Betrieb nimmt nachts einen Server vom Netz, und weiß er das schon?

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Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2026. Stand der Recherche: 13. Oktober 2026.