Am 1. Juli 2026 ersetzt die Neue Grundsicherung das Bürgergeld. Bundestag und Bundesrat haben die Reform 2026 beschlossen. Für Empfänger ändert sich der Name der Geldleistung in Grundsicherungsgeld. Wichtiger als die neue Bezeichnung ist eine andere Verschiebung. Wer jetzt einen Bildungsgutschein für eine Weiterbildung will, beantragt ihn nicht mehr beim Jobcenter, sondern bei der Agentur für Arbeit. Und es gilt der Vermittlungsvorrang nach dem neuen § 3a SGB II. Erst Job, dann Weiterbildung.

Stand der Recherche: 10. Mai 2026. Die Reform ist beschlossen, einzelne BA-Weisungen und Übergangsregeln werden bis Juli 2026 noch konkretisiert. Vor jeder Antragsentscheidung den aktuellen Stand bei deiner Agentur prüfen.

Was sich konkret ab 01.07.2026 ändert

Drei Punkte sind für dich relevant.

Erstens: Die Geldleistung heißt nicht mehr Bürgergeld, sondern Grundsicherungsgeld. Der Regelsatz und die Berechnung der Unterkunftskosten bleiben in der Übergangsphase weitgehend gleich. Das Jobcenter zahlt dir weiterhin den monatlichen Betrag aus.

Zweitens: Die Zuständigkeit für den Bildungsgutschein wechselt zur Agentur für Arbeit. Bisher hast du dich beim Jobcenter mit einem Vermittler getroffen, Eingliederungsvereinbarung oder Kooperationsplan unterschrieben, und dort den BG beantragt. Ab Juli läuft die Beratung zur Weiterbildung über die Agentur für Arbeit. Das Jobcenter ist nur noch für die Geldleistung zuständig. Praktisch heißt das: Du brauchst einen Termin bei einem AfA-Vermittler, nicht mehr beim Jobcenter-Fallmanager. In den ersten Wochen wird das in vielen Städten noch holprig laufen, weil sich die Behörden gerade neu sortieren.

Drittens: Der neue § 3a SGB II verankert den Vermittlungsvorrang ausdrücklich. Vor jeder Weiterbildungsförderung muss der Vermittler prüfen, ob du direkt in Arbeit vermittelt werden kannst. Erst wenn das nicht aussichtsreich ist, kommt die Weiterbildung als Option auf den Tisch. Das ist eine politische Akzentverschiebung gegenüber dem Bürgergeld, das Qualifizierung stärker betont hat.

Der Bildungsgutschein bleibt rechtlich bestehen. § 81 SGB III ist nicht abgeschafft. Aber die Beweislast hat sich verschoben. Bisher musste das Jobcenter dir nicht widerlegen, dass du Weiterbildung wolltest. Ab Juli musst du argumentieren, warum genau diese Weiterbildung für dich nachhaltiger ist als der direkte Job.

Welche Fristen jetzt kritisch sind

Wer aktuell Bürgergeld bezieht und ohnehin eine Weiterbildung plant, sollte den Antrag VOR dem 1. Juli 2026 stellen. Drei Gründe.

Bestehende Bewilligungen laufen weiter. Wenn dein Jobcenter dir noch im Juni einen Bildungsgutschein für eine konkrete Maßnahme ausstellt und die Maßnahme vor dem 1. Juli startet, gilt sie bis zum Ende. Du fällst nicht rückwirkend in den Vermittlungsvorrang. Die Bewilligung bleibt gültig, der Träger rechnet mit dem Jobcenter ab, du absolvierst die Weiterbildung wie geplant.

Die Antragslage entspannt sich vor Juli. Viele Vermittler arbeiten gerade Bestandsfälle ab, bevor die neuen Regeln greifen. Wer jetzt einen vorbereiteten Antrag mit konkretem Träger, AZAV-Maßnahmenummer und Begründung einreicht, hat realistische Chancen auf eine zügige Bewilligung. Ab Juli wird die Erstprüfung strenger.

Junge Menschen unter 30 sollten besonders schnell sein. Für diese Gruppe sind die neuen Regeln strenger. Direktvermittlung steht klar im Vordergrund. Wer Anfang 30 ist und noch keine abgeschlossene Berufsausbildung hat, sollte den Antrag idealerweise noch im Mai oder Juni stellen.

Eine Sache solltest du nicht falsch verstehen. Auch nach dem 1. Juli 2026 sind Weiterbildungen für Bürgergeld- und Grundsicherungs-Empfänger weiterhin möglich. Niemand schließt dir die Tür zu. Aber du musst besser vorbereitet kommen.

So beantragst du den BG nach der Reform

Vier Schritte, die ab Juli 2026 anders aussehen als heute.

Schritt 1. Termin nicht beim Jobcenter, sondern bei der Agentur für Arbeit machen. Ruf die Hotline 0800 4 5555 00 an oder nutze die Online-Terminvergabe auf arbeitsagentur.de. Sag explizit, dass es um eine Weiterbildung geht. Manche Beratungsstellen leiten dich noch reflexartig zum Jobcenter, beharre auf der AfA. Mit dem Stichwort Bildungsgutschein-Beratung kommst du an die richtige Stelle.

Schritt 2. Konkreten Träger und Kurs vorbereiten. Komm nicht offen ins Gespräch und frage, was möglich ist. Komm mit einer konkreten Maßnahme. AZAV-Maßnahmenummer raussuchen, Träger, Startdatum, Stundenzahl. Bei DigiMan zum Beispiel: Maßnahmenzertifikat 723/0097/2026, DEKRA-zertifiziert, 720 UE, 16 Wochen. Dass du das schon recherchiert hast, signalisiert dem Vermittler, dass du selbst aktiv bist.

Schritt 3. Schriftliche Begründung mitbringen. Eine halbe DIN A4-Seite reicht. Beantworte zwei Fragen. Warum bist du derzeit nicht direkt vermittelbar oder nur in einen Job mit ungesicherter Perspektive? Warum bringt diese konkrete Weiterbildung dich nachhaltig in Arbeit, mit welcher Berufsperspektive, welchem Gehaltsniveau? Verweise auf den Arbeitsmarkt. Bei KI-Berufen sind über 100.000 Stellen offen, das Einstiegsgehalt liegt im DigiMan-Bereich bei rund 60.000 Euro. Solche Daten machen den Antrag konkret.

Schritt 4. Auf den Vermittlungsvorrang konstruktiv eingehen. Wenn der Vermittler dir Stellenangebote nennt, lehne nicht pauschal ab. Schau dir die Angebote an, prüfe sie ehrlich, und erkläre sachlich, warum dir die Weiterbildung trotzdem die nachhaltigere Perspektive bietet. Wer Vorschläge der AfA blockt, riskiert Sanktionen. Wer mitdenkt und gut begründet, bekommt den Bildungsgutschein.

Maria, 45, will den DigiMan machen

Maria bezieht seit acht Monaten Bürgergeld. Sie hat ihren Job in der Buchhaltung verloren, als ihr Arbeitgeber das Unternehmen verkauft hat. Sie ist 45 Jahre alt, hat eine kaufmännische Ausbildung und 20 Jahre Berufserfahrung. Beim Jobcenter hat man ihr im März 2026 eine Stelle als Sachbearbeiterin in einem Logistikzentrum angeboten, Schichtarbeit, 36 Kilometer entfernt. Sie hat abgelehnt und sich nach einer Weiterbildung erkundigt.

Wenn Maria im Mai 2026 noch handelt, ist die Lage entspannt. Sie macht einen Termin beim Jobcenter, bringt das DigiMan-Datenblatt mit und einen kurzen Brief mit ihrer Begründung. Sie bekommt den Bildungsgutschein, der Kurs startet im Juni, und die Maßnahme läuft 16 Wochen bis Oktober 2026. Vier Monate Vollzeit, keine Lohnersatzleistung extra, weil Bürgergeld weiterläuft.

Wenn Maria erst im August 2026 zur Agentur für Arbeit geht, sieht die Lage anders aus. Der Vermittler ist verpflichtet, ihr zuerst Vermittlungsvorschläge zu machen. Vermutlich kommt wieder eine Buchhaltungsstelle, vielleicht ähnlich wie das Logistikzentrum. Sie muss jetzt schriftlich darlegen, warum DigiMan nachhaltiger ist. Stichworte: 60.000 Euro Einstiegsgehalt im KI-Bereich, fehlende Vermittlungsperspektive bei klassischer Buchhaltung im Großraum, Risiko in fünf Jahren wieder arbeitslos zu sein wegen Digitalisierung. Mit guter Begründung bekommt sie den BG, aber sie muss kämpfen.

Der Unterschied: zwei Monate Verzögerung, drei zusätzliche Termine, höhere Hürde.

Was wir in der Praxis sehen

Wer das jetzt unterschätzt, verliert vier bis sechs Wochen Bearbeitungszeit. Wir sehen bei unseren Teilnehmern, dass die Beratung bei der Agentur für Arbeit tendenziell nüchterner und stärker an Marktdaten orientiert ist als die Beratung beim Jobcenter. Das ist nicht schlechter, sondern anders. Wer vorbereitet ankommt, kommt durch. Wer hofft, dass der Vermittler ihm die Weiterbildung nahelegt, wird ab Juli enttäuscht. Aktive Antragstellung ist die neue Realität.

Die zweite Beobachtung. Die Reform betrifft Geringqualifizierte und ältere Beschäftigte weniger stark, als oft befürchtet. Die BA-Weisung vom 01.01.2026 hat den Zugang zur Weiterbildungsförderung für diese Gruppen sogar vereinfacht. Wer ohne abgeschlossene Berufsausbildung arbeitslos ist, kommt mit § 81 Abs. 2 SGB III oft leichter an einen BG als jemand mit klassischem Lebenslauf. Das wird in der medialen Debatte selten erwähnt.

Häufige Fragen

Verliere ich meinen Bildungsgutschein, wenn die Maßnahme erst nach dem 1. Juli 2026 startet?

Nein, nicht automatisch. Wenn der Bildungsgutschein vor dem 1. Juli 2026 ausgestellt wurde und du die Maßnahme antrittst, gilt sie nach den alten Regeln bis zum Ende. Es gibt eine Übergangsregelung. Die genaue Auslegung wird in den BA-Weisungen bis Juli konkretisiert. Im Zweifel halt eine schriftliche Bestätigung deines Vermittlers fest, dass dein BG die volle Maßnahmenlänge abdeckt.

Bekomme ich neben dem Grundsicherungsgeld weiterhin das Weiterbildungsgeld nach § 87a SGB III?

Ja, die 150 Euro pro Monat zusätzlich plus 1.000 Euro bei Bestehen der Zwischenprüfung und 1.500 Euro bei Abschluss bleiben erhalten. Voraussetzung ist eine abschlussorientierte Weiterbildung mit anerkanntem Berufsabschluss oder gleichwertigem Zertifikat. AZAV-zertifizierte Maßnahmen wie DigiMan erfüllen das.

Was passiert, wenn der AfA-Vermittler meinen Antrag ablehnt?

Du hast das Recht auf einen schriftlichen Bescheid mit Begründung und einem Monat Widerspruchsfrist. Lass dich nicht mündlich abwimmeln. Wenn du eine Ablehnung bekommst, prüf die Begründung sachlich. Oft ist die Lösung, eine andere Maßnahme zu wählen oder die Begründung zu schärfen. Bei Bedarf kann eine unabhängige Beratungsstelle der Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie unterstützen. Falls du dir unsicher bist, ob deine Maßnahme förderfähig ist, hilft ein Erstgespräch beim Bildungsträger oft weiter.

Gilt der Vermittlungsvorrang auch für Personen über 50?

Der Vermittlungsvorrang gilt grundsätzlich für alle Bezieher der neuen Grundsicherung. Allerdings hat die BA für ältere Arbeitnehmer und Geringqualifizierte vereinfachte Zugangsregeln zur Weiterbildung. In der Praxis prüfen Vermittler hier oft nüchtern, ob eine Direktvermittlung realistisch ist. Wenn der lokale Arbeitsmarkt für deine Qualifikation dünn ist, geht der Antrag durch. Argumentier mit der konkreten regionalen Lage, nicht abstrakt mit deinem Alter.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist promovierter Wirtschaftspädagoge, Erwachsenenbildner und Geschäftsführer von SkillSprinters. Er bildet seit über 15 Jahren Berufstätige und Quereinsteiger weiter, davon 5 Jahre in der staatlich geförderten Weiterbildung mit AZAV-zertifizierten Maßnahmen. SkillSprinters ist DEKRA-zertifizierter Bildungsträger. Mehr als 70 Sachbücher zu Weiterbildung, KI und Karriere auf Amazon KDP.

Wer den Bildungsgutschein-Antrag noch vor dem 1. Juli 2026 stellen will, findet die genaue Schritt-für-Schritt-Anleitung hier: Bildungsgutschein 2026 beantragen: 7 Schritte. Und wer schon vor dem Vermittlungsvorrang im Antragsstau steht, sollte sich diesen Artikel anschauen: Vermittlungsvorrang ab Juli 2026: Warum du den Bildungsgutschein jetzt beantragen solltest.

Zuletzt geprüft am 10. Mai 2026.

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