Auf einen Blick: KOMPASS ist seit Mitte März 2026 faktisch geschlossen. Die Wartelisten nehmen keine neuen Anträge mehr an, ein verbindlicher Wiederbeginn steht nicht fest. Solo-Selbstständige finden bei ESF-Plus-Landesprogrammen, Vorsteuerabzug und Aufstiegs-BAföG noch nutzbare Wege.
KOMPASS war 2024 und 2025 das stärkste Förderinstrument für Solo-Selbstständige in der Weiterbildung. Bis 4.500 Euro pro Person, 90 Prozent Erstattung der Lehrgangskosten, niedrigschwellig beantragbar. Seit Mitte März 2026 ist das vorbei. Die Bundesagentur für Arbeit hat den Topf für 2026 weitgehend ausgeschöpft, Wartelisten wurden geschlossen, und ein klarer Wiederbeginn ist nicht kommuniziert. Wer im Mai 2026 fördern lassen will, braucht einen Plan B.
Wir bekommen die Frage gerade fast täglich. Hier ist der aktuelle Stand, ehrlich eingeordnet, mit den Alternativen die wirklich funktionieren.
Wo KOMPASS gerade steht
KOMPASS lief von 2022 bis 2025 als Bundesprogramm mit ESF-Plus-Kofinanzierung. Solo-Selbstständige konnten bis zu 4.500 Euro Förderung beantragen, üblich waren 90 Prozent Erstattung der Lehrgangskosten. Antragstellung lief über die regionalen Anlaufstellen, die Bewilligung dauerte 4 bis 8 Wochen.
Seit Mitte März 2026 ist die Lage anders. Die Anlaufstellen melden zurück, dass für das laufende Jahr keine neuen Anträge angenommen werden. Wer sich danach gemeldet hat, landet nicht mehr auf einer Warteliste mit Aussicht auf Bearbeitung, sondern bekommt die Auskunft, dass der Topf für 2026 ausgeschöpft ist. Eine offizielle Schließung gibt es nicht, faktisch ist das Programm aber bis auf Weiteres pausiert.
Was offen bleibt: Ob für 2027 ein Folgeprogramm aufgelegt wird, ist politisch nicht entschieden. Die Mittelplanung des Bundes und die ESF-Plus-Restmittel sind in den Verhandlungen, eine Bestätigung gibt es Stand Mai 2026 nicht. Wer auf KOMPASS gewartet hat, sollte nicht weiter warten.
Wer das unterschätzt, verbrennt zwei Quartale. Wir sehen es gerade bei Soloberatern und Coaches, die ihre Weiterbildung seit Februar aufgeschoben haben in der Hoffnung, KOMPASS macht wieder auf. Die Förderlandschaft hat sich verschoben, und wer im Mai noch hofft, hat im September auch noch keine Förderung und ein verlorenes Jahr.
Welche Alternativen jetzt funktionieren
Vier Wege sind im Mai 2026 nutzbar. Sie ersetzen KOMPASS nicht eins zu eins, decken aber unterschiedliche Konstellationen ab.
ESF-Plus-Landesprogramme sind der direkteste Ersatz für KOMPASS. Sie laufen unabhängig vom Bundestopf, weil sie über die Länder kofinanziert werden, und sie funktionieren regional unterschiedlich. Baden-Württemberg fördert über die L-Bank typischerweise 30 bis 50 Prozent der Lehrgangskosten für Selbstständige. NRW geht über die Bezirksregierungen mit Quoten von 50 bis 80 Prozent. Bayern hat das "Bildungsscheck Bayern"-Programm, das auch Solo-Selbstständige adressiert. Hessen, Berlin und Sachsen-Anhalt haben eigene Linien. Welche Quote du bekommst, hängt vom Bundesland, vom Berufsfeld und vom Einkommen ab.
Vorsteuerabzug ist der pragmatische Weg, falls du umsatzsteuerpflichtig bist. Eine Weiterbildung von 3.000 Euro netto kostet dich effektiv 3.570 Euro brutto, du holst dir aber 570 Euro Umsatzsteuer als Vorsteuer zurück. Plus die 3.000 Euro netto sind als Betriebsausgabe abziehbar, was bei einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent weitere 900 Euro reduziert. Effektive Nettobelastung liegt dann bei 2.100 Euro. Das ist keine Förderung im klassischen Sinn, aber für Solos mit normalem Einkommen oft die schnellste Variante, weil keine Antragstellung mit 6 Wochen Vorlauf nötig ist.
Aufstiegs-BAföG funktioniert für Solo-Selbstständige weiterhin, wenn die Weiterbildung abschlussorientiert ist. Wirtschaftsfachwirt, Bilanzbuchhalter, Meister, geprüfter Berufspädagoge. Hier zahlt der Bund 50 Prozent Zuschuss plus 50 Prozent zinsloses Darlehen, und das Darlehen wird zur Hälfte erlassen, wenn die Prüfung bestanden ist. Für kurze Seminare oder reine Tool-Schulungen ist das nicht möglich, für eine 11-monatige Fortbildung mit IHK-Abschluss aber sehr wohl. Mit der Aufstiegs-BAföG-Reform zum 1. Oktober 2026 wird der Zuschussanteil weiter ausgeweitet, hier haben wir die Reform im Detail eingeordnet.
BAFA-Beratungsförderung ist der kleinste, aber praktikabelste Weg für strategische Beratung. Bis zu 3.500 Euro Zuschuss für externe Beratungsleistungen, 50 bis 80 Prozent Quote je nach Region. Das ist keine Weiterbildung im engeren Sinn, aber wenn du als Solo-Selbstständige deine Digitalisierungsstrategie, Marketing-Aufstellung oder KI-Einführung extern begleiten lässt, kann das ein Hebel sein.
Vergleichstabelle der vier Wege
| Förderweg | Max. Förderung | Quote | Antrag bei | Bearbeitungsdauer | Für wen |
|---|---|---|---|---|---|
| ESF Plus Landesprogramme | je nach Land 2.000-8.000 EUR | 30-80 % | Landesförderbank / Bezirksregierung | 4-10 Wochen | Solo-Selbstständige mit Wohnsitz im fördernden Bundesland |
| Vorsteuerabzug + Betriebsausgabe | Steuereffekt, keine Direktförderung | bis ca. 30 % effektive Entlastung | Eigene Buchhaltung, keine Antrag | Sofort wirksam | Umsatzsteuerpflichtige Solos mit normalem Einkommen |
| Aufstiegs-BAföG | bis 15.000 EUR Gesamtsumme | 50 % Zuschuss + 50 % Darlehen, davon 50 % Erlass bei Bestehen | Landesamt für Ausbildungsförderung | 6-12 Wochen | Solos die abschlussorientierte Fortbildung machen (Fachwirt, Meister) |
| BAFA-Beratungsförderung | bis 3.500 EUR | 50-80 % | BAFA online | 4-8 Wochen | Solos die externe strategische Beratung einkaufen |
Praxis: Wie eine Hamburger UX-Beraterin ihre Förderung gerettet hat
Eine selbstständige UX-Beraterin aus Hamburg hatte im Februar 2026 mit der Planung ihrer KI-Weiterbildung begonnen. KOMPASS-Antrag war vorbereitet, Lehrgang zum KI-Manager und einen Vertiefungskurs zur Prompt-Engineering-Methodik geplant, Gesamtkosten 4.200 Euro. Im März kam die Rückmeldung, dass keine neuen Anträge mehr bearbeitet werden.
Sie hat in zwei Wochen umgeplant. Der Vertiefungskurs lief bei ihrer Hamburger Volkshochschule auf der ESF-Plus-Liste für Selbstständige, dort hat sie 60 Prozent der 1.400 Euro Lehrgangskosten zurückbekommen. Den KI-Manager-Kurs hat sie privat finanziert, aber als Betriebsausgabe abgesetzt. Bei ihrem Grenzsteuersatz von 35 Prozent plus Vorsteuerabzug auf den umsatzsteuerpflichtigen Teil hat sich das auf rund 1.800 Euro effektive Nettobelastung reduziert.
Wirtschaftlich liegt sie bei dieser Lösung 1.500 Euro über dem KOMPASS-Idealfall, aber die Weiterbildung läuft, und sie hat keine sechs Monate gewartet. Ihre Einschätzung nach Abschluss: "Wenn ich auf KOMPASS gewartet hätte, hätte ich den Sommer verloren und im Herbst noch immer keine Klarheit gehabt."
Wann sich Warten trotzdem lohnt
In zwei Fällen ist das Warten auf einen späteren KOMPASS-Wiederbeginn vertretbar. Erstens, wenn deine geplante Weiterbildung nicht zeitkritisch ist und du sie ohnehin erst 2027 angegangen wärst. Hier kannst du die politische Entscheidung abwarten und reagieren, wenn das Programm wieder aufgelegt wird oder ein Nachfolger kommt.
Zweitens, wenn deine Weiterbildung 6.000 Euro oder mehr kostet und keiner der alternativen Wege das auffangen kann. Wer einen umfangreichen 12-Monats-Lehrgang plant und in einem Bundesland ohne starkes ESF-Plus-Programm sitzt, sollte den realen Förderbetrag und das Zeitfenster gegen die Eigenkapitalkosten halten. In manchen Fällen ist Warten dann ökonomisch besser, in anderen nicht.
Was nicht sinnvoll ist: Die Weiterbildung ein halbes Jahr aufzuschieben, ohne aktiv die Alternativen geprüft zu haben. Solo-Selbstständige verlieren in dieser Zeit potenzielles Umsatzpotenzial, das mit einer abgeschlossenen Qualifizierung früher hätte greifen können.
Was die ESF-Plus-Landesförderung praktisch verlangt
Die meisten Landesprogramme haben ähnliche Voraussetzungen. Du musst in dem Bundesland ansässig sein, die Maßnahme muss in einer anerkannten Liste oder beim regionalen Bildungsträger geführt sein, und der Bildungsträger muss AZAV-zertifiziert sein. Bei den meisten Programmen brauchst du keine Vorgespräche mit der Arbeitsagentur, sondern reichst direkt bei der Förderstelle ein.
Die Wartezeit zwischen Antragstellung und Bewilligung liegt typischerweise bei 4 bis 10 Wochen. Wichtig: Bei vielen Landesprogrammen darfst du die Maßnahme nicht vor Bewilligung begonnen haben. Wer in der Zwischenzeit auf eigene Rechnung startet, fliegt aus der Förderung. Plane also Vorlauf ein.
Wer einen größeren Lehrgang plant, etwa einen Digitalisierungsmanager oder einen abschlussorientierten Fachwirt, sollte parallel prüfen, ob Aufstiegs-BAföG der bessere Hebel ist. Die Quoten sind höher, die Beträge größer, und die Förderung ist nicht von ausgeschöpften Jahres-Töpfen abhängig.
Häufige Fragen
Warum genau ist KOMPASS gerade gestoppt, wenn das Programm offiziell läuft?
KOMPASS hat ein Jahresbudget, das vom Bund und über ESF-Plus-Kofinanzierung gespeist wird. Die Mittel für 2026 sind seit Mitte März weitgehend gebunden, weil die Nachfrage in Q1 stark war. Eine formale Schließung wäre ein politischer Akt, faktisch sind aber keine Anträge mehr bearbeitbar. Die Anlaufstellen kommunizieren das als "Aufnahmestopp bis auf Weiteres".
Lohnt es sich, jetzt schon einen Aufstiegs-BAföG-Antrag vorzubereiten?
Wenn deine Weiterbildung abschlussorientiert ist (Fachwirt, Meister, Bilanzbuchhalter), ja. Die Bearbeitungszeit liegt bei 6 bis 12 Wochen, und der Antrag muss vor Maßnahmenbeginn gestellt sein. Wer im Herbst 2026 starten will, sollte spätestens im Juli den Antrag einreichen. Die Reform zum 1. Oktober 2026 verbessert die Konditionen weiter, gilt aber nur für Anträge nach diesem Stichtag.
Kann ich ESF-Plus-Landesförderung mit Aufstiegs-BAföG kombinieren?
In der Regel nein. Beide Programme decken Lehrgangskosten ab, und eine Doppelförderung derselben Kostenpositionen ist ausgeschlossen. Was geht: Aufstiegs-BAföG für die Lehrgangskosten plus parallel BAFA-Beratungsförderung für externe strategische Beratung. Das sind unterschiedliche Kostenpositionen und damit kombinierbar.
Was mache ich, wenn ich schon einen KOMPASS-Antrag laufen hatte und keine Antwort bekomme?
Frag aktiv nach. Die Anlaufstellen bestätigen in der Regel nur auf Nachfrage, dass dein Antrag nicht mehr bearbeitet wird, weil der Topf erschöpft ist. Lass dir das schriftlich geben, dann hast du eine klare Basis, um auf alternative Wege umzusteigen. Eine automatische Benachrichtigung kommt oft nicht.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist promovierter Wirtschaftspädagoge, Erwachsenenbildner und Geschäftsführer von SkillSprinters by Dr. Aichinger. Er bildet seit über 15 Jahren Berufstätige, Fachkräfte und Quereinsteiger weiter, hat über 70 Fachbücher zu Prüfungsvorbereitung und Karrierethemen veröffentlicht und betreibt mit SkillSprinters einen der digital am stärksten wachsenden Bildungsträger im DACH-Raum.
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Zuletzt geprüft am 19. Mai 2026.
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