Auf einen Blick: Seit 1. Januar 2026 stellen die Arbeitsagenturen, nicht mehr die Jobcenter, Bildungsgutscheine für Bürgergeld-Empfänger aus. Rechtsgrundlage ist § 81 SGB III statt § 16 Abs. 1 SGB II. Die Jobcenter bleiben für Kooperationsplan und Geldauszahlung zuständig, der Weg zum Kurs läuft aber über einen anderen Schreibtisch.

Wer im Januar 2026 zum Jobcenter gegangen ist und nach einer geförderten Weiterbildung gefragt hat, ist häufig wieder rausgeschickt worden. Nicht weil der Antrag schlecht war. Sondern weil sich zum Jahreswechsel die Zuständigkeit verschoben hat. Bildungsgutscheine für Bürgergeld-Empfänger laufen seit dem 1. Januar 2026 über die Arbeitsagentur, nicht mehr über das Jobcenter. Das steht so in keinem grossen Schreiben der Behörden, vermutlich weil intern noch nicht alle Mitarbeiter den Stand kennen. In den letzten vier Monaten haben wir in Beratungsterminen mit Bürgergeld-Beziehern dieses Missverständnis dutzendweise erlebt.

Die Verschiebung selbst ist kein Skandal. Sie folgt aus dem SGB II-Reformpaket 2025 und harmonisiert das Verfahren zwischen Arbeitslosen mit ALG I und Bürgergeld-Empfängern. Das Problem ist der Übergang. Wer jetzt eine Umschulung oder eine Aufstiegsfortbildung über den Bildungsgutschein finanzieren will, muss wissen, an welchem Tisch er den Antrag stellt.

Was sich juristisch geändert hat

Bis Ende 2025 war für Bürgergeld-Empfänger das Jobcenter die zuständige Stelle. Der Bildungsgutschein war eine Leistung nach § 16 Abs. 1 SGB II in Verbindung mit § 81 SGB III. Das Jobcenter konnte selbst entscheiden, ob es einen Bildungsgutschein ausstellt, weil es auch das Geld dafür im Eingliederungsbudget verwaltete.

Mit dem Reformpaket 2025 ist diese Verbindung getrennt worden. Seit 1. Januar 2026 läuft die Förderung beruflicher Weiterbildung für Bürgergeld-Empfänger direkt über § 81 SGB III. Das bedeutet: zuständig ist die Arbeitsagentur, nicht das Jobcenter. Konkret der Bereich Berufliche Weiterbildung, oft auch Reha/SB-Stelle genannt, je nach Region.

Das Jobcenter ist nicht aus dem Spiel. Es bleibt zuständig für den Kooperationsplan nach § 15 SGB II, die monatliche Bürgergeld-Auszahlung und die persönliche Begleitung. Was sich verändert: Wenn im Kooperationsplan steht, dass eine Weiterbildung sinnvoll ist, dann ist das nur der erste Schritt. Den Bildungsgutschein selbst gibt es nicht mehr beim Jobcenter-Sachbearbeiter, sondern bei der Arbeitsagentur. Das ist häufig nicht mal dasselbe Gebäude.

Bis 31.12.2025 Ab 01.01.2026
Antrag beim Jobcenter Antrag bei der Arbeitsagentur
Rechtsgrundlage § 16 Abs. 1 SGB II Rechtsgrundlage § 81 SGB III
Eingliederungsbudget des Jobcenters Berufliche-Weiterbildung-Etat der Arbeitsagentur
Sachbearbeiter beim Jobcenter Vermittler/Bildungsberater bei der AfA
Kooperationsplan beim Jobcenter Kooperationsplan beim Jobcenter (unverändert)

Wie der Antrag jetzt konkret läuft

Der Ablauf hat sich um einen Schritt verlängert, vor allem weil zwei Behörden eingebunden sind. Wer im Mai 2026 Bürgergeld bekommt und eine geförderte Weiterbildung beginnen will, geht so vor.

Erst zum Termin beim Jobcenter und das Thema Weiterbildung im Kooperationsplan verankern. Ohne diesen Schritt fehlt die Begründung. Der Sachbearbeiter notiert, welches Berufsziel verfolgt wird, warum die Weiterbildung den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unterstützt und welcher Zeitrahmen realistisch ist. Das ist im Kooperationsplan ein Halbsatz oder ein Punkt, mehr nicht.

Dann zur Arbeitsagentur. Termin beim zuständigen Bildungsberater, oft erreichbar über die Service-Hotline 0800 4555500 oder direkt am Schalter der lokalen Agentur. Der Berater prüft, ob die Weiterbildung wirklich nötig ist, ob das Berufsziel realistisch erreichbar ist und ob die geplante Maßnahme dafür passt. Bei diesem Gespräch geht es nicht ums Geld, sondern um die Passung. Das ist eine Ermessensentscheidung.

Wenn die Beratung positiv ausgeht, stellt die Arbeitsagentur den Bildungsgutschein aus. Auf dem Schein steht das Berufsziel, die maximale Maßnahmedauer und die maximalen Lehrgangskosten. Drei Monate gültig zum Einlösen beim Träger.

Bildungsträger suchen, der die Maßnahme anbietet und AZAV-zertifiziert ist. Das Berufsziel auf dem Bildungsgutschein muss zum Maßnahmenangebot passen. Ein Bildungsgutschein für Digitalisierungsmanagement löst kein Bildungsgutschein für Buchhalter ein, und umgekehrt. Maßnahmenummer prüfen, in der Regel hat jeder zertifizierte Kurs eine eigene.

Anmeldung beim Träger mit dem Bildungsgutschein. Der Träger füllt die Rückseite aus, gibt Kursstart, Kursende und Trägernummer an und schickt das Ganze zur Arbeitsagentur zurück. Die Bewilligung dauert in der Regel weitere zwei bis vier Wochen.

Was Bürgergeld-Empfänger jetzt häufig falsch machen

Wir sehen drei wiederkehrende Probleme.

Das erste: Antrag direkt beim Jobcenter stellen und sich dann wundern, wenn der Sachbearbeiter sagt, das könne er nicht mehr machen. Der Sachbearbeiter ist nicht böswillig. Er hat seit Januar einfach keinen Zugriff mehr auf das Budget. Wer das nicht weiss, geht aus dem Termin frustriert raus und denkt, das System wolle ihn nicht.

Das zweite: Weiterbildung beginnen ohne Bildungsgutschein. Manche Träger nehmen Teilnehmer auf und versuchen den Bildungsgutschein nachträglich zu beantragen. Das geht nicht. Der Bildungsgutschein ist eine Vorab-Bewilligung. Wenn die Weiterbildung schon läuft, ist die Vorab-Bewilligung verspätet, und die Arbeitsagentur lehnt regelmässig ab. Das frustriert besonders, weil dann ein Vertrag mit dem Träger schon unterschrieben ist.

Das dritte: Falsche Maßnahme aussuchen. Der Bildungsgutschein deckt nicht jeden Kurs ab. Coaching, Persönlichkeitsentwicklung, allgemeine Computerkurse fallen in der Regel raus. Was geht: abschlussorientierte Weiterbildungen mit AZAV-Zertifizierung, Umschulungen, anerkannte berufliche Fortbildungen wie der Digitalisierungsmanager oder der Social Media Manager mit KI. Was nicht geht: kürzere Selbstständigen-Kurse ohne klares Berufsziel und IHK-Aufstiegsfortbildungen wie der Wirtschaftsfachwirt, die über das Aufstiegs-BAföG laufen.

Eine Praxisgeschichte aus dem April

Ein Mandant, nennen wir ihn Thomas Weidemann, 41 Jahre, bekommt seit Sommer 2025 Bürgergeld. Vorher 12 Jahre Lagerlogistik bei einem Mittelständler im Allgäu, der Standort wurde geschlossen. Im März 2026 entscheidet er sich für eine Umschulung Richtung Digitalisierungsmanagement.

Erster Termin beim Jobcenter Anfang März. Sachbearbeiter findet die Idee gut, vermerkt sie im Kooperationsplan, schickt Weidemann zur Arbeitsagentur. Termin dort eine Woche später. Bildungsberaterin prüft, ob das Berufsziel realistisch ist, ob der Arbeitsmarkt das aufnimmt und ob der Bewerber dafür die Voraussetzungen mitbringt. Mit 12 Jahren Lagerprozesserfahrung hat Weidemann ein gutes Argument: er kennt das, was digitalisiert werden soll, von innen.

Bildungsgutschein ausgestellt. Zwischen Jobcenter-Termin und Bildungsgutschein vergehen 18 Tage. Weidemann meldet sich bei einem AZAV-zertifizierten Träger an. Träger füllt die Rückseite aus, schickt sie zur Arbeitsagentur zurück. Kostenzusage kommt elf Tage später per Post. Kursstart Mitte April.

Was im Vergleich zu 2025 anders war: Weidemann musste zweimal hin, einmal Jobcenter, einmal Arbeitsagentur. Vorher hätte beides der Jobcenter-Sachbearbeiter gemacht. Mehr Aufwand, ja. Aber der Prozess klappt, wenn man die Schritte einhält. Und die Arbeitsagentur hat in der Praxis breiteren Zugriff auf Maßnahmen, weil sie auch ALG-I-Empfänger berät und das gesamte Maßnahmenspektrum kennt.

Was sich praktisch verbessert hat

Bei aller Reibung hat die Verschiebung einen Vorteil, den wir in Beratungen spüren. Die Arbeitsagentur hat traditionell die bessere Übersicht über AZAV-Maßnahmen, weil sie diese Beratung schon immer für ALG-I-Bezieher gemacht hat. Jobcenter-Sachbearbeiter waren oft Generalisten ohne tieferes Maßnahmenwissen. Wer jetzt zur Arbeitsagentur kommt, trifft häufiger auf jemanden, der das Maßnahmenangebot in der Region kennt und passende Träger nennen kann.

Das gilt natürlich nicht überall. Manche Arbeitsagenturen sind im Mai 2026 noch in der Einarbeitungsphase, die Bürgergeld-Bezieher gerade erst als neues Klientel zu beraten. In Ballungsgebieten wie München, Hamburg oder Berlin läuft das schon besser als in ländlichen Regionen, wo die personelle Decke dünner ist. Wer einen Bildungsberater erwischt, der noch nicht eingespielt ist, sollte beharrlich bleiben und nicht beim ersten Nein die Sache aufgeben. Oft hilft ein zweiter Termin bei einem anderen Berater.

Wer das unterschätzt, verliert mehrere Wochen. Wir sehen das immer wieder. Bewerber, die den Antrag im falschen Format stellen oder den Behördenweg nicht kennen, brauchen statt der üblichen 4 bis 6 Wochen häufig 10 bis 14 Wochen vom ersten Termin bis zum Kursstart. Bei abschlussorientierten Weiterbildungen, die nur zweimal jährlich starten, kann das ein verlorenes halbes Jahr sein. Wer es ernst meint, plant die Antragstellung mindestens drei Monate vor gewünschtem Kursstart.

Wo der Bildungsgutschein konkret reicht

Maßnahmenarten, die der Bildungsgutschein im Mai 2026 standardmässig deckt: Digitalisierungsmanager (720 UE, AZAV-zertifiziert), Social Media Manager mit KI, Fachkraft Lagerlogistik, IT-Fachkraft mit Schwerpunkten wie Cybersecurity, kaufmännische Umschulungen mit anerkanntem Abschluss. Auch Sprachkurse für anerkannte Berufe gehen, etwa Pflegekräfte mit deutscher Sprachprüfung.

Maßnahmen, die in der Regel rausfallen: Reine Online-Selbstlernkurse ohne Betreuung, Kurzschulungen unter 100 Unterrichtseinheiten, Coaching-Programme, Persönlichkeitsentwicklung. Auch Studien an staatlichen Hochschulen sind ausgeschlossen, weil dafür BAföG oder Aufstiegs-BAföG zuständig ist.

Wer im Erstgespräch unsicher ist, ob der Wunschkurs durchgeht: Maßnahmenummer und AZAV-Zertifikatsnummer beim Träger erfragen und vor dem Antrag der Arbeitsagentur vorlegen. Das ist die schnellste Klärung. Wer im Vorfeld weiss, welcher Träger welche Maßnahme anbietet, kann sich den Antrag genauer formulieren.

Mehr zum konkreten Antragsweg haben wir in unserem ausführlichen Leitfaden zum Bildungsgutschein zusammengestellt. Dort gehen wir Schritt für Schritt durch die Unterlagen, Formulare und typischen Stolperfallen, auch für Bürgergeld-Bezieher im neuen Verfahren.

Häufige Fragen

Kann ich den Bildungsgutschein noch beim Jobcenter beantragen?

Nein, seit 1. Januar 2026 nicht mehr. Wer ihn beim Jobcenter beantragt, wird zur Arbeitsagentur weitergeschickt. Der Kooperationsplan wird zwar weiter im Jobcenter besprochen und enthält bei Bedarf die Weiterbildungsperspektive, aber die eigentliche Bildungsgutschein-Ausstellung liegt bei der Arbeitsagentur nach § 81 SGB III.

Wie lange dauert der Antrag jetzt insgesamt?

Realistisch 4 bis 8 Wochen vom ersten Jobcenter-Termin bis zur schriftlichen Kostenzusage der Arbeitsagentur. Das hängt von der Auslastung der Arbeitsagentur und der Vollständigkeit der Unterlagen ab. Wer den Träger schon recherchiert hat und beim Bildungsberater mit klaren Berufszielen kommt, verkürzt den Prozess. Wer unentschlossen ist, verlängert ihn.

Was kostet mich die Weiterbildung mit Bildungsgutschein?

Bei AZAV-zertifizierten Maßnahmen mit gültigem Bildungsgutschein 0 Euro Eigenanteil. Die Arbeitsagentur trägt die Lehrgangskosten, Fahrtkosten teilweise, Kinderbetreuungskosten teilweise. Bürgergeld läuft während der Weiterbildung weiter, weil sie aktive Arbeitsmarktpolitik ist und nicht als Beschäftigung gilt. Wichtig ist die regelmässige Teilnahme, der Träger meldet Fehlzeiten.

Was ist, wenn die Arbeitsagentur den Bildungsgutschein ablehnt?

Erstmal schriftliche Begründung anfordern. Bei vielen Ablehnungen liegt der Grund in formalen Punkten, die nachgereicht werden können. Wenn die inhaltliche Bewertung negativ ist, hilft oft ein Zweittermin mit anderem Bildungsberater oder eine andere Maßnahme mit klarerem Berufsbezug. Widerspruch nach § 84 SGG ist innerhalb eines Monats möglich, aber selten erfolgreich, weil die Arbeitsagentur weiten Ermessensspielraum hat.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist promovierter Wirtschaftspädagoge, Erwachsenenbildner und Geschäftsführer von SkillSprinters by Dr. Aichinger. Er bildet seit über 15 Jahren Berufstätige, Fachkräfte und Quereinsteiger weiter, hat über 70 Fachbücher zu Prüfungsvorbereitung und Karrierethemen veröffentlicht und betreibt mit SkillSprinters einen der digital am stärksten wachsenden Bildungsträger im DACH-Raum.

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Zuletzt geprüft am 19. Mai 2026.

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