OpenAI hat im Oktober 2025 mit ChatGPT Atlas einen eigenen Webbrowser auf Chromium-Basis vorgestellt. Stand April 2026 läuft Atlas auf macOS, eine Windows-, iOS- und Android-Version ist angekündigt, ohne Termin. Für Kanzleien und Steuerberater stellt sich die Frage nicht, ob das Werkzeug technisch beeindruckt. Sie lautet: darf ich das überhaupt einsetzen, ohne mit der Verschwiegenheitspflicht zu kollidieren?
Was Atlas technisch ist
Atlas ist ein vollwertiger Webbrowser, gebaut auf Chromium. Tabs, Bookmarks, Erweiterungen funktionieren wie in Chrome. Das Besondere ist die fest eingebaute ChatGPT-Sidebar und der sogenannte Agent Mode. Die Sidebar liest mit, was du gerade siehst, fasst lange Texte zusammen, vergleicht zwei geöffnete Tabs miteinander oder beantwortet Fragen zum aktuellen Inhalt. Der Agent Mode geht einen Schritt weiter: er kann selbstständig Webseiten ansteuern, Formulare ausfüllen, Termine buchen, Recherchen durchführen.
Der Agent läuft in einer Vorschau für Plus, Pro und Business. Die DE-Preise stehen bei 23 Euro pro Monat (Plus) und 229 Euro pro Monat (Pro), Business kostet 24 USD pro User und Monat.
Wofür Kanzleien Atlas einsetzen können
Vier Anwendungsfälle, die in der Praxis tatsächlich Sinn ergeben.
Recherche. Atlas öffnet drei Tabs mit BGH-Entscheidungen, du fragst die Sidebar nach den entscheidenden Unterschieden. Was bisher zwei Stunden Lesen war, ist in zehn Minuten geprüft. Dasselbe gilt für Steuerrecht: Atlas vergleicht ein älteres BMF-Schreiben mit der aktuellen Fassung und zeigt, welche Randziffern sich geändert haben.
Vertragsentwürfe. Du öffnest einen Mustervertrag aus deiner Kanzleibibliothek, lässt Atlas Klauseln zu einer konkreten Mandantensituation umformulieren. Das Ergebnis ist ein Erstentwurf, den du als Anwalt anschließend kontrollierst. Was du nie tun solltest: konkrete Mandantendaten in den Prompt schreiben.
Mandanten-Vorbereitung. Vor einem Erstgespräch lässt du Atlas öffentlich verfügbare Informationen zu einer Branche zusammenfassen. Ein Bauunternehmer kommt wegen eines Werkvertragsstreits, du brauchst in 15 Minuten den Stand der Rechtsprechung zur Mängelhaftung im Bauvertrag. Atlas liefert das, ohne dass jemals ein Mandantenname fällt.
Dokumenten-Auswertung. Hier wird es kritisch. Wenn du PDFs mit Mandantendaten in Atlas hochlädst, verlassen diese Daten dein System und landen auf OpenAI-Servern in den USA. Genau hier liegt das Hauptproblem.
§203 StGB ist keine Verhandlungssache
Die strafrechtliche Verschwiegenheitspflicht aus §203 StGB gilt für Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und einige andere Berufsgeheimnisträger. Wer einem unbefugten Dritten ein "fremdes Geheimnis" offenbart, das ihm in seiner beruflichen Tätigkeit anvertraut wurde, macht sich strafbar. Bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldstrafe.
OpenAI ist nicht dein Mitarbeiter, dein Auftragsverarbeiter im Sinne von §203 Abs. 3 StGB ist OpenAI nur dann, wenn ein wirksamer Verschwiegenheitsvertrag besteht und die Bundesrechtsanwaltskammer das Setup als compliance-konform einordnet. Stand April 2026 ist das für Standard-ChatGPT-Konten und auch für Atlas nicht der Fall.
Das heißt nicht, dass Atlas in Kanzleien tabu ist. Es heißt, dass Mandantendaten dort nichts verloren haben.
Die DSGVO-Lage
Auch wenn §203 StGB nicht greift, weil keine geheimnisbedürftigen Daten verarbeitet werden, bleibt die DSGVO. OpenAI hat ein Data Privacy Framework als Rechtsgrundlage für den Datentransfer in die USA, aber die DSGVO verlangt zusätzlich, dass jede Verarbeitung personenbezogener Daten eine Rechtsgrundlage hat und der Auftragsverarbeitungsvertrag steht.
Für Atlas Business gibt es einen DPA, den du als Kanzlei prüfen und unterschreiben musst, bevor du ihn produktiv nutzt. Für Plus- und Pro-Konten ist das schwieriger, dort fehlt der Auftragsverarbeitungsvertrag in der Form, die du als Verantwortlicher brauchst.
In der Praxis sehen wir, dass viele Kanzleien das ignorieren und Atlas einfach mit privatem Plus-Account nutzen. Das mag pragmatisch sein, im Zweifel ist es eine Datenschutzpanne, die meldepflichtig wäre.
Ein Workflow, der funktioniert
So setzen wir Atlas pragmatisch ein, ohne in §203-Fallen zu laufen.
Mandantendaten bleiben außerhalb von Atlas. Wenn du einen Vertragsentwurf brauchst, formulierst du den Sachverhalt anonym: "Ein mittelständischer Maschinenbauer aus Bayern verkauft eine Spezialmaschine an einen Käufer aus Italien, vereinbart wird Gerichtsstand Mailand." Daraus baut Atlas einen Entwurf. Den füllst du dann offline mit den realen Namen und Beträgen.
Recherche-Workflows laufen zu hundert Prozent über Atlas. Rechtsprechung, Gesetzestexte, Kommentar-Auszüge sind öffentlich oder lizenziert, da gibt es keinen Geheimnisschutz.
Mandanten-Vorbereitung läuft über Atlas, solange die Mandanten anonym bleiben. Branche, typischer Sachverhalt, Standardfragen. Wenn du allerdings einen konkreten Vorgang recherchierst (etwa "Insolvenzverfahren der Müller GmbH aus Hof"), ist der Mandantenbezug schon im Prompt drin. Dann lieber ohne KI.
Dokumenten-Auswertung: nicht in Atlas. Wenn du Mandanten-PDFs auswerten willst, brauchst du eine On-Premise-Lösung oder einen DSGVO-konformen Cloud-Anbieter mit echtem Auftragsverarbeitungsvertrag. Die Marktangebote dafür wachsen, aber sie sind nicht ChatGPT Atlas.
Was die Sidebar wirklich gut kann
Die Sidebar ist im Alltag nützlicher als der Agent Mode. Drei Beispiele aus der Praxis.
Ein Steuerberater liest ein 40 Seiten langes BMF-Schreiben zur umsatzsteuerlichen Behandlung von Schulungsleistungen. Atlas-Sidebar bekommt die Anweisung: "Welche Punkte sind neu im Vergleich zum Vorgänger-Schreiben aus 2023?" Antwort in 30 Sekunden, mit konkreten Randziffern.
Ein Anwalt prüft den Geschäftsbericht eines börsennotierten Mandanten (ist öffentlich, kein §203-Problem) und fragt: "Welche Risikohinweise sind im Vergleich zum Vorjahresbericht neu?" Sidebar liefert eine sortierte Liste.
Ein Notar bereitet eine Beurkundung vor und braucht den aktuellen Stand zur erbrechtlichen Behandlung von Pflichtteilsverzichten. Drei BGH-Entscheidungen aus den letzten zwei Jahren, zusammen 80 Seiten. Sidebar fasst die Kernaussagen zusammen, der Notar prüft die Quellen.
In allen drei Fällen geht es um öffentliche oder vom Mandanten freigegebene Informationen. Genau dort ist Atlas stark.
Der Agent Mode ist noch nicht reif
Im Agent Mode verspricht OpenAI, dass der Browser autonom Aufgaben erledigt. In der Vorschau läuft das gemischt. Termine bei einfachen Online-Diensten klappen, Recherchen über mehrere Tabs hinweg auch. Sobald aber Captchas, Login-Flows oder dynamische Webformulare ins Spiel kommen, bricht der Agent ab oder produziert Halbergebnisse.
Wer das unterschätzt, verliert mehr Zeit mit Korrektur als er durch Automatisierung gewinnt. Für eine Kanzlei heißt das: Agent Mode kann interessant werden für Recherche-Schleifen, die der Anwalt sonst manuell laufen würde. Für Mandanten-Kommunikation oder Behörden-Korrespondenz ist es zu früh.
Was das für deine Kanzlei heißt
Wenn du eine kleine bis mittelgroße Kanzlei führst, lohnt sich Atlas als Recherche-Werkzeug für einen oder zwei Power-User. Der Plus-Account für 23 Euro pro Monat reicht meistens. Für eine Kanzlei mit mehr als drei Anwälten würde ich Business prüfen, weil dort der Auftragsverarbeitungsvertrag und Admin-Funktionen drinhängen. Pro mit 229 Euro pro Monat lohnt sich nur, wenn ein einzelner Anwalt sehr viel mit dem Modell arbeitet und die höheren Limits wirklich braucht.
Was du parallel aufsetzen solltest: eine schriftliche Anweisung an alle Mitarbeiter, was in Atlas darf und was nicht. Eine Liste mit erlaubten Anwendungsfällen (Recherche zu Gesetzen, allgemeine Branchenvorbereitung) und verbotenen Vorgängen (Mandantennamen, Aktenzeichen, konkrete Beträge, Strategiepapiere). Diese Liste ist Teil der DSGVO-Dokumentation. Wenn die Aufsichtsbehörde fragt, wirst du froh sein, dass es sie gibt.
Eine zweite Pflicht ist die Schulung. Seit dem 02.02.2025 gilt Art. 4 der EU-KI-Verordnung. Jeder Mitarbeiter, der KI-Systeme einsetzt, muss nachweisen können, dass er die Risiken versteht. Für Anwälte und Steuerberater reicht ein internes Briefing nicht mehr, hier wird ein dokumentierter Schulungsnachweis erwartet. Wer das ernst nimmt, baut die Schulung zur KI-Kompetenz in den jährlichen Fortbildungspflichten ein.
Wer ohnehin Mitarbeiter weiterbilden will, kann das über das Qualifizierungschancengesetz gefördert tun. Ein gemischtes Team aus Anwaltsfachangestellten, Buchhaltern und Mandatsbearbeitern bekommt Grundlagen zu Prompt-Engineering, KI-Recht und Datenschutz an einem Stück. Im SkillSprinters-Programm zum Digitalisierungsmanager ist genau das ein Modul, allerdings als Vollzeit-Weiterbildung mit AZAV-Bildungsgutschein für Quereinsteiger.
Die ehrliche Einschätzung nach sechs Monaten Praxis
Atlas ist ein nützliches Werkzeug für Kanzleien, wenn man die roten Linien einhält. Wer §203 StGB respektiert und die DSGVO ordentlich vorbereitet hat, gewinnt 30 bis 50 Prozent Recherchezeit zurück. Wer den Agent Mode für Mandanten-Korrespondenz oder die Sidebar für hochgeladene Mandantenakten missbraucht, riskiert Kammerverfahren und im Extremfall Strafanzeigen.
Die Frage ist nicht, ob KI in der Kanzlei kommt. Sie ist längst da. Die Frage ist, wer im Team die Kompetenz hat, sie sauber einzusetzen, und wer aus Bequemlichkeit die Leitlinien ignoriert. Letzteres rächt sich, wenn der erste Mandant nachfragt, wo seine Daten gerade liegen.
Häufige Fragen
Darf ich Atlas in meiner Kanzlei überhaupt nutzen?
Ja, wenn du Mandantendaten außerhalb des Werkzeugs hältst. Atlas darf für Recherche zu Gesetzen, Rechtsprechung, öffentlich verfügbaren Branchen-Informationen und für anonymisierte Vertragsentwürfe genutzt werden. Sobald §203-StGB-relevante Daten in den Prompt gelangen, brauchst du einen wirksamen Auftragsverarbeitungsvertrag und ein Setup, das die Bundesrechtsanwaltskammer als compliance-konform einordnet. Beides liegt bei Standard-Atlas-Konten Stand April 2026 nicht vor.
Wie unterscheidet sich Atlas von Microsoft Copilot oder Google Gemini?
Atlas ist ein eigener Browser mit ChatGPT-Sidebar und Agent Mode. Copilot in Edge ist eine ähnliche Sidebar, aber an Microsoft 365 gekoppelt und mit Microsofts Datenschutzversprechen unterlegt. Gemini in Chrome ist Googles Variante, mit Anbindung an Google Workspace. Für Kanzleien sind alle drei mit Vorsicht zu genießen, der relevante Unterschied liegt im Auftragsverarbeitungsvertrag und der Frage, wo die Server stehen. Microsoft bietet für Business-Kunden Datenresidenz in der EU, OpenAI und Google sind in dieser Hinsicht zurückhaltender.
Brauche ich Pro für 229 Euro im Monat?
In den meisten Fällen nicht. Pro lohnt sich, wenn du täglich mehrere Stunden mit dem Modell arbeitest, sehr lange Dokumente analysierst oder die höheren Anfragelimits brauchst. Für einen Anwalt, der zwei bis drei Stunden pro Woche recherchiert, reicht Plus für 23 Euro vollkommen. Für eine Kanzlei mit drei oder mehr Nutzern lohnt sich Business stärker, weil dort der DPA, zentrale Verwaltung und SAML-SSO drinhängen.
Was passiert mit meinen Daten in Atlas?
Bei Plus- und Pro-Konten werden deine Inhalte standardmäßig zur Modellverbesserung verwendet, wenn du das nicht aktiv abschaltest. Bei Business-Konten ist das per Default deaktiviert. Auch wenn du Training abschaltest, fließen deine Eingaben über OpenAI-Server in den USA und werden dort temporär gespeichert. Für Mandantendaten ist das in einer Kanzlei mit §203-StGB-Pflichten nicht zulässig, ohne dass die Kammer das Setup ausdrücklich freigibt.
Quellen
- Introducing ChatGPT Atlas | OpenAI, Stand April 2026
- ChatGPT Atlas Wikipedia | Übersicht und Versionshistorie
- §203 StGB Verletzung von Privatgeheimnissen | Originaltext
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