Die Elternzeit ist für viele die einzige Lebensphase, in der genug Luft für eine größere berufliche Neuorientierung ist. Wer das vorhat, steht vor der Frage, ob die Agentur für Arbeit die Weiterbildung finanziert, obwohl man formal nicht arbeitslos ist. Die Antwort: In vielen Fällen ja, mit einem Detail, das oft übersehen wird.
Wann der Bildungsgutschein in der Elternzeit überhaupt möglich ist
Der Bildungsgutschein nach § 81 SGB III ist an zwei Grundvoraussetzungen geknüpft. Entweder man ist arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht, oder man hat keinen Berufsabschluss und will einen nachholen. Wer in Elternzeit ist und einen festen Job hat, zu dem man zurückkehren könnte, fällt formal in keine der beiden Kategorien.
Trotzdem ist der Weg offen, aber über eine andere Tür. Wer während der Elternzeit arbeitsuchend gemeldet ist, weil zum Beispiel die Rückkehr zum alten Arbeitgeber nicht sicher ist, die Arbeitszeiten mit dem Kind nicht zusammenpassen oder der Betrieb geschlossen hat, erfüllt die Grundvoraussetzung für den Bildungsgutschein. Die Agentur für Arbeit wertet das als Arbeitslosigkeit im rechtlichen Sinne.
Ein zweiter Weg: Wer keinen anerkannten Berufsabschluss hat und den in einer abschlussorientierten Weiterbildung nachholen will, kann den Bildungsgutschein unabhängig von einem Arbeitsverhältnis beantragen. Das betrifft zum Beispiel Mütter und Väter, die ihre Ausbildung abgebrochen haben oder die einen ausländischen Abschluss haben, der in Deutschland nicht anerkannt ist.
Die Sache mit den Kindererziehungszeiten
Ein oft übersehenes Detail: Kindererziehungszeiten zählen rechtlich wie Beschäftigungszeiten. Das ist für den Bildungsgutschein selbst nicht entscheidend (hier zählt die aktuelle Lebenslage), wird aber relevant, wenn parallel auch Arbeitslosengeld beantragt wird.
Praktisch heißt das: Wer zweieinhalb Jahre zuhause das Kind betreut und danach zum ersten Mal arbeitsuchend gemeldet ist, hat oft noch einen ALG-Anspruch, weil die Erziehungszeit als Anwartschaftszeit zählt. Das ist ein Puffer, der die Weiterbildung während der Suche nach einer neuen Stelle finanziell absichert.
Was mit der Kinderbetreuung ist
Der Punkt, an dem die meisten Anträge in der Beratung scheitern, hat nichts mit der Förderfähigkeit zu tun, sondern mit der Praktikabilität. Die Agentur für Arbeit wird im Gespräch fragen, ob eine tatsächliche Teilnahme an der Weiterbildung mit einem Kleinkind im Haushalt realistisch ist. Eine Vollzeit-Umschulung von 08 bis 16 Uhr fünf Tage die Woche und ein eineinhalbjähriges Kind ohne Kita-Platz sind schwer zusammenzubringen, und das weiß auch die Agentur.
Hier greift § 87 SGB III: Während einer geförderten Weiterbildung übernimmt die Arbeitsagentur Kinderbetreuungskosten in Höhe von 160 Euro pro Kind und Monat. Das deckt in Städten mit hohen Kita-Gebühren nicht alles ab, in vielen Regionen aber schon. Die Kostenübernahme läuft für die gesamte Dauer der Weiterbildung, auch über den Übergang in ein neues Beschäftigungsverhältnis hinaus, wenn die Betreuung für den Jobeinstieg weiter nötig ist.
In der Praxis ist der ehrliche Tipp: Wer eine berufliche Neuorientierung in der Elternzeit plant, sollte den Kita-Platz vor dem Gespräch bei der Agentur für Arbeit geklärt haben oder zumindest konkret beantragt. Eine geförderte Weiterbildung ohne realistische Betreuungslösung wird in der Regel nicht bewilligt, auch wenn alle anderen Voraussetzungen stimmen.
Welche Weiterbildungen sich in der Elternzeit typischerweise anbieten
Der wichtigste Aspekt in der Praxis ist das Format. Wer mit einem Kind zuhause eine Vollzeit-Maßnahme mit fester Präsenzpflicht schafft, ist die Ausnahme. In der Realität funktionieren zwei Formate gut:
Online-Kurse mit flexibler Zeitgestaltung. Viele AZAV-zertifizierte Kurse laufen heute komplett online mit Live-Unterrichtsblöcken, die auch nachmittags oder abends stattfinden. Das passt in den Alltag mit einem Kind, weil Rand- und Abendstunden nutzbar sind und Aufzeichnungen nachgeholt werden können.
Teilzeit-Maßnahmen mit vier bis sechs Stunden pro Tag. Die sind seltener, aber es gibt sie. Hier ist allerdings zu beachten, dass die Agentur für Arbeit bei Teilzeit-Weiterbildungen strenger prüft, ob die berufliche Integration am Ende wirklich wahrscheinlich ist. Vollzeit hat für die Arbeitsagentur den Vorteil der klareren Messbarkeit.
Die ehrliche Einschätzung aus Beratungsgesprächen: Eine Online-Vollzeit-Weiterbildung mit einem Kind zwischen null und drei Jahren ist nur dann realistisch, wenn die Betreuung wasserdicht organisiert ist. Wer den Kita-Platz nicht hat oder auf unsichere Hilfe von Großeltern setzt, fährt besser mit einer späteren Anmeldung, wenn das Kind zum Beispiel einen sicheren Ganztagsplatz bekommen hat.
Was die Agentur für Arbeit im Beratungsgespräch hören will
Ein Bildungsgutschein ist nach § 81 SGB III eine Ermessensleistung, keine Pflichtleistung. Das heißt: Der Sachbearbeiter entscheidet im Einzelfall, ob die Förderung bewilligt wird. Drei Punkte sind dabei zentral und sollten vor dem Gespräch durchdacht sein:
Warum gerade dieser Beruf? Der Sachbearbeiter will sehen, dass die Weiterbildung zur eigenen Lebenssituation passt und der Arbeitsmarkt in der Region Stellen in diesem Bereich hat. Pauschale „Ich mach mal KI" funktioniert schlechter als „Ich komme aus dem Einzelhandel, habe dort schon digitale Prozesse betreut und möchte das jetzt systematisch auf Unternehmen übertragen".
Wie ist die Kinderbetreuung gelöst? Kita, Tagesmutter, Ganztags-Schule, Betreuungsnetzwerk. Wer das konkret beantworten kann, hat die halbe Miete.
Wie ist die Perspektive nach der Weiterbildung? Stellenanzeigen in der Region, Branchen, in denen man sich bewerben will, realistische Gehaltsvorstellungen. Das zeigt, dass die Maßnahme nicht in einen leeren Raum hineingeht.
Wo Familien oft scheitern
Eine häufige Fehleinschätzung: Der Bildungsgutschein kann nicht rückwirkend beantragt werden. Wer eine Weiterbildung startet und erst später fragt, ob die Agentur das bezahlt, hat keine Chance mehr auf die Förderung. Der Antrag und die Bewilligung müssen vor dem Beginn der Maßnahme abgeschlossen sein.
Eine zweite Fehleinschätzung: Viele rechnen damit, dass eine Weiterbildung während der Elternzeit „nebenbei" laufen könnte. Die Agentur für Arbeit finanziert nur Maßnahmen, bei denen eine ernsthafte Teilnahme nachvollziehbar ist. Bei einer kompletten Umschulung zur Fachkraft bedeutet das in der Regel 20 bis 35 Stunden pro Woche plus Prüfungsvorbereitung. Wer sich das nicht traut, sollte eher auf einen späteren Zeitpunkt warten.
Eine Vermittlung in eine neue Stelle nach der Weiterbildung kann die Agentur für Arbeit nicht garantieren, und auch der Bildungsträger sollte das nicht tun. Realistisch sind Branchen mit belegtem Fachkräftemangel, und dazu gehören aktuell IT-nahe Berufe, Pflege, Handwerk und mittlerweile auch der Bereich Digitalisierung.
Häufige Fragen
Kann ich während der Elternzeit einen Bildungsgutschein beantragen?
Ja, wenn Sie arbeitsuchend gemeldet sind oder keinen anerkannten Berufsabschluss haben, der nachgeholt werden soll. Ein bestehendes Arbeitsverhältnis in ruhender Elternzeit schließt die Förderung in der Regel aus, es sei denn, die Rückkehr ist nicht mehr realistisch möglich. Der erste Schritt ist ein Termin bei der Agentur für Arbeit.
Werden Kinderbetreuungskosten während der Weiterbildung übernommen?
Die Agentur für Arbeit übernimmt während einer geförderten Weiterbildung Kinderbetreuungskosten in Höhe von 160 Euro pro Kind und Monat nach § 87 SGB III. Die Kosten werden direkt mit der Kita oder der Tagesmutter abgerechnet. In Regionen mit hohen Kita-Gebühren reicht der Betrag nicht immer aus, deckt aber in vielen Fällen einen Großteil ab.
Was, wenn mein altes Arbeitsverhältnis noch besteht?
Solange das alte Arbeitsverhältnis rechtlich noch besteht (auch in ruhender Elternzeit), sind Sie nicht arbeitslos im Sinne des SGB III. Ein Bildungsgutschein ist in dieser Konstellation schwer zu bekommen. Zwei Alternativen: Sprechen Sie mit dem Arbeitgeber über das Qualifizierungschancengesetz, bei dem die Agentur für Arbeit die Weiterbildung parallel zum bestehenden Job fördern kann. Oder schließen Sie das Arbeitsverhältnis einvernehmlich und melden sich arbeitsuchend.
Welche Weiterbildung eignet sich für die Elternzeit?
Gut passen Online-Formate mit flexiblen Zeiten und Live-Unterricht, der auch nachmittags oder abends stattfindet. Vollzeit-Präsenzmaßnahmen sind mit kleinen Kindern schwer zu stemmen, es sei denn, die Betreuung ist komplett organisiert. Die Agentur für Arbeit schaut genau auf die Kombination Weiterbildungsformat und Betreuungslösung, bevor sie einen Bildungsgutschein bewilligt.
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