Small Mid Caps im AI Act sind die überraschende Änderung, die im April 2026 durch den Trilog-Prozess zur KI-Verordnung wandert. Der Kommissions-Vorschlag zum Digital Omnibus sieht vor, die bisherigen Erleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen auf eine neue Kategorie auszudehnen: Small Mid Caps mit bis zu 750 Mitarbeitern und bis zu 150 Millionen Euro Umsatz. Für den deutschen Mittelstand ist das eine Erleichterung, die man ernst nehmen sollte, weil viele typische deutsche Familienunternehmen bisher aus dem KMU-Raster herausgefallen sind.

Dieser Artikel erklärt, was die neue Kategorie genau bedeutet, welche Erleichterungen Sie erwarten dürfen und was Sie trotzdem ab August 2026 erfüllen müssen. Mit Blick auf den aktuellen Verhandlungsstand im Trilog.

Das Wichtigste in Kürze

Was sich im Digital Omnibus ändert

Der Digital Omnibus ist ein Bündel an Änderungen, mit dem die EU-Kommission auf Kritik aus Wirtschaft und Mitgliedstaaten reagiert. Der zentrale Punkt ist die Verschiebung der Hochrisiko-Pflichten aus Annex III des AI Act vom ursprünglichen Datum auf den 2. Dezember 2027. Parallel dazu sollen die Erleichterungen für kleine und mittlere Unternehmen auf eine neue Kategorie ausgedehnt werden: Small Mid Caps.

Die bisherige KMU-Definition der EU liegt bei weniger als 250 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz unter 50 Millionen Euro. Viele typische deutsche Mittelständler fallen aus diesem Raster, weil sie über 250 Mitarbeiter haben oder mehr als 50 Millionen Umsatz machen. Gleichzeitig sind sie strukturell nicht mit Großkonzernen vergleichbar: Familienführung, regionale Verankerung, überschaubare IT-Ressourcen, keine eigene Compliance-Abteilung.

Die neue Kategorie Small Mid Caps schließt diese Lücke. Unternehmen bis zu 750 Mitarbeitern und bis zu 150 Millionen Euro Umsatz sollen künftig von Erleichterungen profitieren, die bisher nur echten KMU vorbehalten waren. Das betrifft vor allem drei Bereiche.

Erstens: Dokumentationspflichten. Bei Hochrisiko-KI-Systemen nach Annex III müssen Anbieter und Betreiber umfangreiche Dokumentationen führen. Für Small Mid Caps sind vereinfachte Formate vorgesehen, die den Aufwand reduzieren, ohne die Kernanforderungen aufzugeben.

Zweitens: Konformitätsbewertungen. Die Bewertung, ob ein KI-System den Anforderungen der Verordnung entspricht, soll für Small Mid Caps schlanker ablaufen. Externe Prüfungen können teilweise durch Selbstbewertungen ersetzt werden, sofern die nötige Dokumentation vorliegt.

Drittens: Beratung und Unterstützung. Die Mitgliedstaaten sollen verpflichtet werden, für Small Mid Caps kostenfreie oder kostengünstige Beratungsangebote einzurichten. Die konkrete Umsetzung bleibt den Ländern überlassen.

Warum das für deutsche Mittelständler wichtig ist

Der deutsche Mittelstand ist strukturell anders als der europäische Durchschnitt. Familienunternehmen mit 300 bis 700 Mitarbeitern sind in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Regel, nicht die Ausnahme. Viele von ihnen operieren in Nischenmärkten, haben begrenzte IT-Ressourcen und stehen unter dem gleichen Kostendruck wie kleinere Unternehmen.

Die bisherige KMU-Definition passt für diese Gruppe nicht. Ein Maschinenbauer aus Oberfranken mit 400 Mitarbeitern ist im Tagesgeschäft nicht mit einem DAX-Konzern vergleichbar, aber rechtlich wurde er bisher wie einer behandelt. Das führte dazu, dass Compliance-Anforderungen, die für Großkonzerne tragbar sind, bei deutschen Mittelständlern zu echten Belastungen wurden.

Die Small-Mid-Caps-Kategorie korrigiert diese Schieflage. Für einen Betrieb mit 500 Mitarbeitern und 90 Millionen Euro Umsatz bedeutet das konkret: Weniger Dokumentationspflichten bei Hochrisiko-KI, einfachere Konformitätsbewertungen, bessere Chancen, Beratungsangebote zu nutzen.

Ein zweiter Aspekt ist die Rechtssicherheit. Viele Mittelständler haben in den letzten Monaten zurückhaltend auf KI-Projekte reagiert, weil unklar war, welche Pflichten sie treffen würden. Eine klare Kategorie mit klaren Erleichterungen gibt Planungssicherheit und senkt die Hemmschwelle für Investitionen.

Was trotzdem gilt: Die AI Literacy Pflicht

Die wichtigste Botschaft für jeden Unternehmer lautet: Unabhängig von der Small-Mid-Caps-Kategorie bleibt die AI Literacy Pflicht nach Artikel 4 KI-VO in Kraft. Der Digital Omnibus verschiebt die Hochrisiko-Pflichten auf den 2. Dezember 2027, aber Artikel 4 greift unverändert ab dem 2. August 2026.

Was bedeutet das konkret. Artikel 4 verpflichtet alle Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, sicherzustellen, dass ihr Personal "ausreichende KI-Kompetenz" hat. Das ist keine Formulierung ohne Zähne: Die Aufsichtsbehörden werden ab August 2026 prüfen, ob Unternehmen nachvollziehbar dokumentieren, welche Schulungen ihre Mitarbeiter durchlaufen haben, welche Inhalte vermittelt wurden und wie die Kompetenz gesichert wird.

Die Erleichterungen für Small Mid Caps betreffen nicht diese Schulungspflicht. Ein Unternehmen mit 600 Mitarbeitern muss die gleichen Schulungsnachweise erbringen wie ein Unternehmen mit 6.000 Mitarbeitern. Der Unterschied liegt in anderen Bereichen, etwa in den Dokumentationspflichten bei Hochrisiko-Systemen.

Mehr dazu im Artikel AI Literacy Pflicht bleibt August 2026 und im Überblick zur EU AI Act Deadline August 2026.

Wer zu den Small Mid Caps zählt

Die geplanten Schwellenwerte sind klar, aber die Details zur Berechnung können im Trilog noch angepasst werden. Der aktuelle Stand des Kommissions-Vorschlags nennt folgende Kriterien.

Kriterium Schwellenwert
Mitarbeiterzahl bis zu 750
Jahresumsatz bis zu 150 Millionen Euro
Bilanzsumme bis zu 129 Millionen Euro

Ein Unternehmen gilt als Small Mid Cap, wenn es die Mitarbeiter-Schwelle nicht überschreitet und mindestens eines der beiden finanziellen Kriterien einhält. Die Berechnung erfolgt typischerweise auf Konzernebene, wenn das Unternehmen Teil einer Gruppe ist.

Für bayerische und deutsche Unternehmer heißt das in der Praxis: Wenn Sie in diese Größenordnung fallen, prüfen Sie die aktuellen Zahlen zur Mitarbeiterzahl und zum Umsatz. Die Einordnung als Small Mid Cap ist kein automatisches Label, sondern muss nachgewiesen werden können. Für die Aufsichtsbehörde ist eine schriftliche Dokumentation der Einordnung Pflicht.

Was der Trilog-Prozess bedeutet

Der Trilog ist das Verhandlungsformat der EU, bei dem Kommission, Parlament und Rat einen gemeinsamen Text für eine Verordnung finden. Beim Digital Omnibus läuft dieser Prozess aktuell. Am 26. März 2026 hat das Europäische Parlament mit 569 zu 45 Stimmen (bei 23 Enthaltungen) die Verschiebung der Hochrisiko-Pflichten beschlossen. Der nächste Trilog-Termin ist für den 28. April 2026 angesetzt.

Das bedeutet für Sie: Bis Ende April oder Anfang Mai 2026 steht voraussichtlich der finale Text fest. Danach folgt die Umsetzung in nationales Recht, was in Deutschland typischerweise drei bis sechs Monate dauert. Die Small-Mid-Caps-Regelung wird also voraussichtlich spätestens Ende 2026 wirksam.

Bis zum finalen Text können sich Details ändern. Die Schwellenwerte sind im Kommissions-Vorschlag klar, aber einzelne Ausnahmen und die genaue Definition bestimmter Dokumentationspflichten sind noch in Bewegung. Wer jetzt plant, sollte mit den bekannten Werten arbeiten, aber die finale Version abwarten, bevor konkrete Compliance-Entscheidungen für Jahre festgelegt werden.

Was Sie jetzt praktisch tun sollten

Vier Schritte, die Sie in den nächsten Wochen und Monaten angehen sollten.

Erstens: Einordnung prüfen. Stellen Sie sicher, dass Sie wissen, ob Ihr Unternehmen als Small Mid Cap gilt oder nicht. Holen Sie aktuelle Zahlen zu Mitarbeiterzahl, Umsatz und Bilanzsumme und dokumentieren Sie die Einordnung schriftlich. Das ist später die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen.

Zweitens: KI-Inventar erstellen. Listen Sie alle KI-Systeme auf, die Ihr Unternehmen nutzt. Das umfasst offensichtliche Tools wie ChatGPT oder Copilot, aber auch eingebettete KI in CRM-Systemen, Buchhaltungssoftware oder HR-Tools. Für jeden Eintrag halten Sie fest, welchen Zweck das System hat, welche Daten es verarbeitet und welchen Risikoklassen es entspricht.

Dritter Schritt: Schulungsplan aufstellen. Planen Sie die AI Literacy Schulungen so, dass alle Mitarbeiter, die mit KI arbeiten, bis August 2026 einen dokumentierten Nachweis haben. Das betrifft Anwender, nicht nur IT-Verantwortliche. Eine strukturierte Weiterbildung wie der Digitalisierungsmanager-Kurs erfüllt diese Anforderung und baut gleichzeitig tieferes Fachwissen auf. Förderfähig über Bildungsgutschein oder Qualifizierungschancengesetz.

Vierter Schritt: KI-Richtlinie schreiben. Eine schriftliche Richtlinie legt fest, welche Tools erlaubt sind, welche Daten in welche Tools gegeben werden dürfen und welche Prüfprozesse gelten. Eine Vorlage finden Sie im Artikel KI-Richtlinie Unternehmen Vorlage.

Diese vier Schritte decken die Kernpflichten ab, die unabhängig vom Trilog-Ergebnis gelten. Wenn später Erleichterungen für Small Mid Caps hinzukommen, können Sie darauf aufbauen.

Die Wechselwirkung mit dem Qualifizierungschancengesetz

Ein Punkt, der in der Debatte oft untergeht: Die Schulungspflicht nach Artikel 4 lässt sich wirtschaftlich elegant lösen, wenn Sie das Qualifizierungschancengesetz nutzen. Dieses Gesetz fördert Weiterbildungen für Beschäftigte, deren Arbeitsplatz sich durch Digitalisierung und Strukturwandel verändert. Die Agentur für Arbeit übernimmt je nach Betriebsgröße zwischen 25 und 100 Prozent der Lehrgangskosten und einen Lohnkostenzuschuss obendrauf.

Für den deutschen Mittelstand heißt das: Die AI Literacy Pflicht ist nicht nur eine Last, sondern eine Gelegenheit, förderfähige Weiterbildungen zu starten, die gleichzeitig die Compliance-Pflicht erfüllen und echten Wissenszuwachs bringen. Ein Digitalisierungsmanager-Kurs über vier Monate ist bei kleinen Betrieben zu 100 Prozent förderfähig, bei größeren Betrieben noch zu 50 Prozent und mehr.

Small Mid Caps fallen nicht unter die 100-Prozent-Förderung der kleinsten Betriebe, aber sie haben in der Regel noch gute Fördersätze. Ein detaillierter Überblick steht im Artikel QCG beantragen Schritt für Schritt.

Häufige Fragen

Wann wird die Small-Mid-Caps-Regelung rechtskräftig?

Der aktuelle Trilog zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat läuft noch. Eine Einigung wird für das zweite Quartal 2026 erwartet. Nach der Einigung muss die Verordnung im EU-Amtsblatt veröffentlicht werden und tritt dann mit einer festgelegten Frist in Kraft. Realistisch ist, dass die Small-Mid-Caps-Erleichterungen ab Ende 2026 oder Anfang 2027 wirksam werden. Die Annex-III-Pflichten selbst sind bereits auf 2. Dezember 2027 verschoben.

Muss ich als Mittelständler mit 500 Mitarbeitern jetzt schon AI-Act-Anforderungen umsetzen?

Die Annex-III-Pflichten für Hochrisiko-Systeme gelten erst ab Dezember 2027. Die AI Literacy Pflicht nach Artikel 4 gilt aber schon ab August 2026. Das bedeutet: Sie müssen nicht jede Dokumentation zu Hochrisiko-Systemen sofort erstellen, aber Sie müssen sicherstellen, dass Ihre Mitarbeiter die nötige KI-Kompetenz haben und dies dokumentiert ist. Die Schulungsnachweise sind der konkrete Anknüpfungspunkt.

Welche Erleichterungen bekommen Small Mid Caps konkret?

Nach aktuellem Stand des Kommissions-Vorschlags drei Bereiche: vereinfachte Dokumentationsformate bei Hochrisiko-Systemen, schlankere Konformitätsbewertungen (teilweise durch Selbstbewertung statt externer Prüfung) und Zugang zu staatlich unterstützten Beratungsangeboten. Die genauen Details werden im Trilog noch verhandelt. Bis zum finalen Text sollten Sie mit den Standard-Anforderungen planen und die Erleichterungen als möglichen Bonus einbauen.

Betrifft die Regelung nur Anbieter von KI oder auch Betreiber?

Der AI Act unterscheidet zwischen Anbietern (die KI-Systeme entwickeln und bereitstellen) und Betreibern (die fertige Systeme einsetzen). Die meisten deutschen Mittelständler sind Betreiber: Sie kaufen ChatGPT, Copilot oder ähnliche Systeme und setzen sie ein. Die Small-Mid-Caps-Erleichterungen betreffen beide Gruppen, aber der Hauptfokus liegt auf Anbietern. Für Betreiber ist die wichtigste Pflicht weiterhin die AI Literacy Pflicht nach Artikel 4.

Wie dokumentiere ich die Einordnung meines Unternehmens als Small Mid Cap?

Eine schriftliche Feststellung mit den aktuellen Zahlen (Mitarbeiter, Umsatz, Bilanzsumme) reicht in der Regel aus. Die Dokumentation sollte Stichtag, Quelle der Zahlen und die Schlussfolgerung enthalten. Die Einordnung sollte jährlich überprüft werden, weil sich die Schwellenwerte bei wachsenden Unternehmen verschieben können. Im Zweifelsfall holen Sie eine kurze Einschätzung von einem Fachanwalt für IT-Recht oder einem darauf spezialisierten Steuerberater.

Welche Weiterbildungsoption ist für Small Mid Caps am sinnvollsten?

Der Digitalisierungsmanager-Kurs von SkillSprinters ist auf KMU und Mittelstand zugeschnitten: 4 Monate online, DEKRA-zertifiziert, AZAV-konform für das Qualifizierungschancengesetz. Für Small Mid Caps ist die Förderquote in der Regel bei 25 bis 50 Prozent der Lehrgangskosten plus Lohnkostenzuschuss. Details zur Förderung finden Sie im Artikel Qualifizierungschancengesetz Arbeitgeber.

Fazit

Die Small-Mid-Caps-Kategorie im AI Act ist eine überfällige Korrektur. Der deutsche Mittelstand zwischen 250 und 750 Mitarbeitern war bisher in einem rechtlichen Niemandsland zwischen KMU und Großkonzern. Die geplanten Erleichterungen bringen Planungssicherheit und senken die Compliance-Kosten für eine Gruppe, die wirtschaftlich einen wichtigen Anteil ausmacht.

Gleichzeitig bleibt die AI Literacy Pflicht unberührt. Wer jetzt in strukturierte Weiterbildung investiert, erfüllt die wichtigste Pflicht ab August 2026 und baut gleichzeitig Kompetenz im Team auf. Die Kombination aus Förderung über das Qualifizierungschancengesetz und einem praxisnahen Kurs wie dem Digitalisierungsmanager-Kurs ist dabei der wirtschaftlich sauberste Weg.

Wenn Sie eine Beratung für Ihre konkrete Situation brauchen, nehmen Sie Kontakt über das Kontaktformular auf.

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