In einem Siemens-Werk in Erlangen hat erstmals ein humanoider Roboter in der Fertigung gearbeitet. Eine Bitkom-Umfrage zeigt: 64 Prozent der Industrie sehen darin einen Produktivitätsfaktor, aber erst 6 Prozent setzen welche ein. Treiber ist der Fachkräftemangel. Für den Mittelstand zählt vorerst weniger der Roboter selbst als die Frage, wer die Automatisierung plant.
Acht Stunden am Stück, rund 60 Behälterbewegungen pro Stunde, eine Erfolgsquote von über 90 Prozent beim Greifen und Absetzen. Das sind die Eckdaten eines Probelaufs, den Siemens Anfang 2026 in seinem Werk in Erlangen gefahren hat, erstmals mit einem humanoiden Roboter in der echten Fertigung. Damit verlässt eine Technik den Messestand, über die seit Jahren geredet wird. Wie nah sie wirklich an den Mittelstand rückt, beantwortet eine frische Bitkom-Umfrage erstaunlich nüchtern.
Vom Messestand in die Fertigung
Der Roboter in Erlangen heißt HMND 01 Alpha und entstand aus einer Kooperation von Siemens mit Nvidia und dem britischen Hersteller Humanoid. Seine Aufgabe war bewusst unspektakulär: Behälter greifen, transportieren, platzieren. Genau solche Transport- und Handgriffe binden in der Fertigung viel Personal.
Warum gerade jetzt? Die Antwort gibt ein Siemens-Sprecher selbst. Patrick Lunz verweist darauf, dass mittelständische Unternehmen "ganz wesentliche Probleme" hätten, Nachwuchs- und Fachkräfte zu finden. Der Roboter springt also dort ein, wo schlicht keine Bewerber mehr kommen.
Der Reiz am menschenähnlichen Bauplan liegt in der Flexibilität. Klassische Industrieroboter sind fest verschraubt und für genau eine Aufgabe gebaut. Ein Humanoid soll dagegen dorthin passen, wo heute ein Mensch steht, ohne dass die ganze Halle umgebaut wird. Ob dieser Anspruch im Alltag hält, ist die eigentliche offene Frage. Die Erfolgsquote von gut 90 Prozent in Erlangen heißt schließlich auch, dass noch jeder zehnte Griff danebengeht.
Die Industrie ist gespalten
Für ihre Untersuchung hat der Digitalverband Bitkom 555 Industrieunternehmen des verarbeitenden Gewerbes ab 100 Beschäftigten befragt, veröffentlicht am 14. April 2026. Das Stimmungsbild ist zweigeteilt.
64 Prozent der Unternehmen sehen in humanoiden Robotern einen Produktivitätsfaktor. Im gleichen Atemzug sagen 41 Prozent, die Kosten überstiegen den Nutzen, und 31 Prozent halten das Ganze für einen vorübergehenden Hype. "An humanoiden Robotern scheiden sich derzeit die Geister", fasst Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert das zusammen.
In Zahlen, die zählen: Erst 6 Prozent der Industriefirmen setzen humanoide Roboter ein. 10 Prozent planen es, 8 Prozent diskutieren darüber, und für 72 Prozent ist der Einsatz derzeit kein Thema. Langfristig trauen 97 Prozent der Technik eine Massenverbreitung zu, aber nur 20 Prozent erwarten sie in den nächsten zehn Jahren. Die humanoide Fabrik ist also weniger Gegenwart als Ansage.
Made in Germany will mithalten
Auffällig ist der Wunsch nach eigener Stärke. 68 Prozent der befragten Industrieunternehmen befürworten eine schnelle Eigenentwicklung durch deutsche Hersteller.
Einen Kandidaten dafür gibt es bereits. Der Münchner Robotikspezialist Agile Robots will seinen industriellen Humanoiden Agile ONE ab 2026 in Bayern fertigen. Auf der Hannover Messe zeigte sich Bundeskanzler Friedrich Merz beeindruckt von dem Gerät, das in einer Robotik-Challenge in zwei Minuten und 25 Sekunden Leitungen an die vorgesehenen Stecker anschloss und einen Preis für Wirtschaftlichkeit gewann.
Dass die Politik aufmerksam wird, hat einen Grund. Bei der breiteren KI sieht sich die deutsche Industrie schon im Hintertreffen: 55 Prozent fürchten laut Bitkom, die KI-Revolution zu verschlafen, und 46 Prozent ordnen sich selbst als Nachzügler ein. Bei der nächsten Welle, den Robotern, will man nicht wieder nur zuschauen.
Was das für KMU bedeutet
Für den typischen kleinen Betrieb bleibt ein humanoider Roboter 2026 weit weg. Er ist eher eine Nachricht von der Spitze der Industrie als eine konkrete Anschaffung. Die ehrliche Lesart der Bitkom-Zahlen lautet: schöner Ausblick, kurzfristig kein Thema. Trotzdem steckt darin eine Lehre, die schon heute gilt. Der Engpass verschiebt sich. Solange Maschinen mehr Routinearbeit übernehmen, ob als Software-Agent im Büro oder als Roboter in der Halle, wächst der Bedarf an Leuten, die diese Automatisierung planen, einrichten und überwachen können. Genau diese Rolle, der Mensch, der Prozesse versteht und Werkzeuge zusammenführt, wird wertvoller, nicht überflüssig. Wer im Mittelstand vorne mitspielen will, fängt deshalb sinnvollerweise nicht beim teuren Humanoiden an, sondern bei den Prozessen und bei den Mitarbeitern, die sie steuern. Das ist günstiger, schneller und zahlt sich unabhängig davon aus, ob in fünf Jahren ein Roboter durch die Werkhalle läuft.
Häufige Fragen
Arbeiten humanoide Roboter schon in deutschen Fabriken?
Erste Praxistests laufen. Siemens hat Anfang 2026 in seinem Werk in Erlangen den humanoiden Roboter HMND 01 Alpha für Transportaufgaben eingesetzt, rund acht Stunden mit einer Erfolgsquote von über 90 Prozent beim Greifen und Absetzen. Flächendeckend ist das aber noch nicht.
Wie verbreitet sind humanoide Roboter in der Industrie?
Noch wenig. Laut einer Bitkom-Umfrage unter 555 Industrieunternehmen setzen erst 6 Prozent humanoide Roboter ein, 10 Prozent planen es und 72 Prozent sehen den Einsatz aktuell nicht als Thema. Eine Massenverbreitung erwarten nur 20 Prozent in den nächsten zehn Jahren.
Warum kommen die Roboter gerade jetzt?
Treiber ist der Fachkräftemangel. Ein Siemens-Sprecher verweist darauf, dass mittelständische Unternehmen große Probleme haben, Nachwuchs zu finden. Der Roboter springt dort ein, wo schlicht keine Bewerber mehr kommen, vor allem bei eintöniger Transport- und Handarbeit.
Lohnt sich ein humanoider Roboter für ein KMU?
Kurzfristig für die wenigsten. Sinnvoller ist es, bei den Prozessen und den Mitarbeitern anzusetzen, die Automatisierung planen und steuern. Das ist günstiger, schneller und zahlt sich unabhängig davon aus, ob in einigen Jahren ein Roboter durch die Halle läuft.
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Zuletzt aktualisiert: 11.06.2026. Stand der Recherche: 11.06.2026.