Auf die Schnelle

Die EU-Kommission hat am 3. Juni 2026 das Tech Sovereignty Package vorgestellt. Kernstück ist der geplante Cloud and AI Development Act (CADA), der die europäische Rechenzentrumskapazität in fünf bis sieben Jahren verdreifachen soll. Hintergrund: US-Anbieter wie Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren zusammen über 70 Prozent des EU-Cloud-Markts. Für kleine Betriebe ändert sich kurzfristig wenig, aber die Richtung lohnt einen Blick: Wer heute ein KI-Tool wählt, sollte wissen, wo die eigenen Daten liegen und ob es eine europäische Option gibt.

Wenn du heute ein KI-Werkzeug im Betrieb einsetzt, läuft es mit hoher Wahrscheinlichkeit über eine amerikanische Cloud. Das hat einen einfachen Grund: Drei US-Konzerne kontrollieren laut den Zahlen, die die EU-Kommission ihrem neuen Vorhaben zugrunde legt, zusammen über 70 Prozent des europäischen Cloud-Geschäfts. Am 3. Juni 2026 hat die Kommission ihr Tech Sovereignty Package vorgestellt, mit dem sie das ändern will. Das Kernstück trägt den Namen Cloud and AI Development Act, kurz CADA.

Was die Kommission konkret plant

Der erklärte Ziel des Vorschlags ist ehrgeizig: Die europäische Rechenzentrumskapazität soll sich in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Dahinter steckt die Einsicht, dass Europa die Maschinen, auf denen KI rechnet, bisher überwiegend in fremder Hand hat. Wer KI-Modelle trainiert und betreibt, braucht enorme Rechenleistung. Und diese Rechenleistung steht heute zum Großteil in den Datenzentren amerikanischer Anbieter.

Begleitet wird der Vorschlag von zwei weiteren Bausteinen. Ab Juli 2026 soll eine Ausschreibung für sogenannte KI-Gigafabriken starten, also für sehr große Rechenzentren, die speziell auf KI-Anwendungen ausgelegt sind. Parallel dazu beschleunigt der Chips Act 2.0 die Genehmigungen für Halbleiterfabriken, damit die nötigen Chips perspektivisch auch in Europa entstehen können. Bei den Auflagen geht die Kommission gestaffelt vor: Die strengsten Souveränitätsanforderungen sollen laut Vorschlag nur für rund ein Prozent der sensibelsten öffentlichen Dienste gelten. Für die breite Masse an Cloud-Diensten bleibt es lockerer.

Wichtig zur Einordnung: CADA ist bislang ein Gesetzesvorschlag der Kommission, vorgelegt am 3. Juni 2026. Beschlossen ist davon noch nichts. Damit aus dem Vorschlag geltendes Recht wird, müssen das Europäische Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten zustimmen, und diese Verhandlungen stehen erst am Anfang. Erfahrungsgemäß verändert sich an solchen Entwürfen auf dem Weg durch die Gremien noch einiges. Du solltest die Zahlen also als Absichtserklärung lesen, nicht als bereits feststehende Realität.

Warum die EU jetzt handelt

Die Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Anbietern ist seit Jahren bekannt, aber sie wird in der aktuellen Lage als Risiko empfunden, das man nicht länger laufen lassen will. Geopolitische Spannungen, Fragen nach dem Datenschutz und die schlichte kaufmännische Erkenntnis, dass eine zu starke Bindung an einzelne Konzerne teuer und gefährlich werden kann, treiben das Thema nach oben. Wenn die kritische digitale Infrastruktur eines ganzen Kontinents auf den Servern weniger Unternehmen außerhalb des eigenen Rechtsraums läuft, ist das eine strategische Verwundbarkeit.

Die Kommission verkauft CADA deshalb als Aufbau eigener Kapazitäten, nicht als Abschottung. Niemand will amerikanische Technik verbannen. Es geht darum, eine glaubwürdige europäische Alternative überhaupt erst entstehen zu lassen. Bisher fehlt diese Alternative in der nötigen Größe. Wer in Europa eine wirklich große KI-Infrastruktur sucht, landet schnell wieder bei denselben drei amerikanischen Namen. Diese Lücke soll das Paket schließen.

Was das für einen kleinen Betrieb bedeutet

Ein Tischlermeister mit zwölf Leuten wird von einem Gesetzesvorschlag aus Brüssel zunächst wenig spüren. Das ist auch ehrlich so. Ob die EU ihre Rechenzentren verdreifacht oder nicht, ändert morgen nichts an der Software, mit der du Angebote schreibst oder deine Buchhaltung erledigst. Wer dir das Gegenteil verspricht, übertreibt.

Mittelfristig ist die Richtung trotzdem relevant. Wenn in Europa mehr Cloud- und KI-Kapazität entsteht, wächst auch die Auswahl an Werkzeugen, die nach DSGVO-Maßstäben und auf europäischen Servern betrieben werden. Heute ist diese Auswahl oft dünn, gerade bei den günstigen, alltagstauglichen KI-Diensten. Mehr Kapazität kann das ändern, und es ist denkbar, dass mit dem Ausbau auch Förderprogramme für die Nutzung solcher Angebote kommen. Festlegen lässt sich das jetzt noch nicht, aber es ist der wahrscheinliche Weg.

Nimm eine Hausverwaltung, die ihre komplette Mieter- und Eigentümerkommunikation über einen einzigen US-Cloud-Dienst abwickelt und seit Kurzem dessen KI-Assistenten für Mailentwürfe nutzt. Solange alles läuft, ist das bequem und billig. Die Frage, die sich lohnt, ist nicht, ob dieser Dienst gut ist. Die Frage ist, was passiert, wenn er die Preise drastisch anhebt, eingestellt wird oder das Konto wegen einer automatischen Verdachtsmeldung gesperrt wird. Genau für solche Fälle ist es gut zu wissen, dass es daneben eine europäische Option gibt, auf die man im Ernstfall ausweichen könnte. Genau diese Wahlmöglichkeit will das EU-Paket über die Jahre vergrößern.

Gigafabriken und Chips: der lange Atem hinter dem Paket

Die geplante Ausschreibung für KI-Gigafabriken ab Juli 2026 zeigt, wie weit der Zeithorizont reicht. Solche Anlagen sind keine Sache von Monaten. Standortsuche, Stromversorgung, Kühlung, Bau und Inbetriebnahme ziehen sich über Jahre, und die Chips, die darin rechnen, kommen heute fast ausnahmslos aus wenigen Fabriken in Asien und den USA. Der Chips Act 2.0 soll deshalb die Genehmigungen für Halbleiterwerke in Europa beschleunigen, damit die Lieferkette nicht an derselben Engstelle hängt wie der Cloud-Markt selbst.

Für einen kleinen Betrieb ist das doppelt weit weg, und das soll es an dieser Stelle auch ruhig sein. Du wirst nie selbst in einer Gigafabrik rechnen lassen. Aber die Kapazität, die dort entsteht, ist die Voraussetzung dafür, dass die KI-Dienste, die du irgendwann nutzt, überhaupt in Europa betrieben werden können. Heute scheitert eine europäische Alternative oft schlicht daran, dass die Rechenleistung fehlt. Wenn dieser Engpass über die Jahre kleiner wird, wächst auch das Angebot an Werkzeugen, bei denen Datenschutz und Standort von vornherein passen. Das ist der eigentliche, sehr langsame Mechanismus hinter den großen Zahlen aus der Pressemitteilung.

Souveränität heißt Abhängigkeit steuern, nicht alles selbst hosten

In unseren DigiMan-Kursen kommt das Thema oft in einer verkürzten Form auf: Müssen wir jetzt alles auf eigene Server holen, damit wir souverän sind? Für die allerwenigsten kleinen Betriebe ergibt das Sinn. Eigene Server zu betreiben, eigene KI-Modelle zu hosten und die dafür nötigen Fachleute zu beschäftigen, kostet Geld, Personal und Aufmerksamkeit, die anderswo besser aufgehoben sind. Digitale Souveränität für einen Mittelständler bedeutet etwas Schlichteres: die eigene Abhängigkeit bewusst zu steuern, statt sie unbewusst einzugehen.

Praktisch heißt das, bei jedem wichtigen digitalen Werkzeug ein paar Fragen zu beantworten, bevor man sich fest daran bindet. Wo verarbeitet das Tool die Daten, und ist das datenschutzrechtlich sauber? Komme ich an meine eigenen Daten heran, und kann ich sie auch wieder exportieren, in einem brauchbaren Format? Gibt es einen zweiten Anbieter, der dasselbe könnte, falls der erste ausfällt oder die Preise verdoppelt? Sind die Verträge so gestaltet, dass ein Wechsel überhaupt möglich ist? Das sind keine technischen Spezialfragen, sondern kaufmännische Vorsicht, wie man sie bei jedem Lieferanten anlegt.

Wer wissen will, wo der eigene Betrieb steht, fängt am besten mit einer Bestandsaufnahme an. Welche drei oder vier digitalen Werkzeuge sind wirklich kritisch, also die, ohne die der Laden stillsteht? Bei welchen davon läge im Ernstfall der Stecker komplett in fremder Hand, womöglich außerhalb Europas? Diese kurze Liste schafft Klarheit darüber, wo eine Abhängigkeit besteht, die man bisher gar nicht als solche wahrgenommen hat. Meist sind es ein bis zwei Werkzeuge, bei denen sich ein zweiter Blick auf die Export-Möglichkeiten und die Vertragsbedingungen auszahlt. Und das lässt sich heute prüfen, ganz unabhängig davon, was aus dem Brüsseler Gesetzesvorschlag am Ende wird.

Die EU baut die Infrastruktur, auf der eine europäische KI-Zukunft laufen könnte. Bis daraus für den einzelnen Handwerks- oder Dienstleistungsbetrieb spürbare Angebote werden, vergehen Jahre. Bis dahin liegt der Hebel beim Betrieb selbst: Bei der nächsten Software-Entscheidung einmal kurz innehalten und fragen, was passiert, wenn dieses Werkzeug eines Tages weg ist. Wer darauf eine Antwort hat, ist souveräner als die meisten, ganz ohne eigenes Rechenzentrum.

Häufige Fragen

Was ist der Cloud and AI Development Act (CADA)?

CADA ist das Kernstück des Tech Sovereignty Package, das die EU-Kommission am 3. Juni 2026 vorgestellt hat. Der Vorschlag will die europäische Rechenzentrumskapazität in fünf bis sieben Jahren verdreifachen, um die Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern zu senken. Es handelt sich um einen Gesetzesvorschlag, der noch von Parlament und Rat verhandelt werden muss, also noch nicht um geltendes Recht.

Ändert sich für meinen kleinen Betrieb dadurch sofort etwas?

Kurzfristig kaum. Ein Gesetzesvorschlag aus Brüssel ändert nichts an der Software, mit der du heute arbeitest. Mittelfristig kann mehr europäische Cloud-Kapazität aber die Auswahl an DSGVO-konformen, EU-gehosteten KI-Werkzeugen vergrößern und möglicherweise Förderung bringen. Den größten Hebel hast du selbst, indem du bei neuen Tools prüfst, wo deine Daten liegen und ob du den Anbieter wechseln könntest.

Muss ich für digitale Souveränität alles auf eigene Server umziehen?

Nein. Für die wenigsten kleinen Betriebe lohnt es sich, eigene Server oder KI-Modelle zu betreiben, das kostet Geld, Personal und Nerven. Souveränität bedeutet hier, die eigene Abhängigkeit bewusst zu steuern: wissen, wo die Daten liegen, sie exportieren können, eine Alternative im Hinterkopf haben und Verträge prüfen, die einen Wechsel zulassen.

Wie kontrollieren US-Anbieter über 70 Prozent des EU-Cloud-Markts?

Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud bieten ausgereifte, günstige und überall verfügbare Dienste an, weshalb viele europäische Unternehmen über Jahre dorthin gegangen sind. Eine europäische Alternative in vergleichbarer Größe fehlt bisher weitgehend. Genau diese Lücke will der CADA-Vorschlag über den Ausbau eigener Kapazitäten schließen.

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Zuletzt aktualisiert: 16.06.2026. Stand der Recherche: 16.06.2026.