Auf die Schnelle

Eine BCG-Studie von Ende Mai 2026 (befragt wurden 555 Führungskräfte in elf europäischen Märkten, davon 130 in Deutschland) zeigt: 43 Prozent investieren bereits darin, ihre Abhängigkeit von nicht-europäischen Technikanbietern zu senken, weitere 36 Prozent planen es. Heute führt Nordamerika als KI-Partner noch knapp vor Europa, künftig soll sich das umdrehen. Für kleine Betriebe heißt digitale Souveränität nicht "alles selbst hosten", sondern bewusst steuern, wo die eigenen Daten liegen und ob man den Anbieter wechseln könnte.

Digitale Souveränität war lange ein Begriff für Politiker-Reden und Konzern-Strategiepapiere. Das ändert sich gerade. Laut einer BCG-Studie, die Ende Mai 2026 veröffentlicht wurde, hat das Thema die Chefetagen erreicht und schlägt sich in konkreten Investitionsentscheidungen nieder. Die Boston Consulting Group hat zwischen dem 1. April und dem 8. Mai 2026 insgesamt 555 CEOs, C-Level-Manager und Senior Manager in elf europäischen Märkten befragt, davon 130 in Deutschland. Das Ergebnis ist deutlicher, als viele erwartet hätten.

Die Mehrheit baut die Abhängigkeit aktiv ab

Laut BCG-Studie investieren 43 Prozent der befragten Führungskräfte bereits darin, ihre Abhängigkeit von nicht-europäischen Technologieanbietern zu reduzieren. Weitere 36 Prozent planen entsprechende Schritte. Zusammengenommen sind das fast vier von fünf Unternehmen, die das Thema entweder schon angefasst haben oder es vorhaben.

Das ist eine Verschiebung, die man vor zwei Jahren so nicht gesehen hätte. Lange galt die Logik: Man nimmt die Werkzeuge der großen amerikanischen Anbieter, weil sie ausgereift, günstig und überall verfügbar sind. Diese Bequemlichkeit wiegt für viele Entscheider inzwischen weniger schwer als die Sorge, von einer Handvoll Anbieter außerhalb Europas in einer Weise abhängig zu sein, die sich im Zweifel kaum noch rückgängig machen lässt. Geopolitische Unsicherheit, Fragen nach Datenschutz und die schlichte Erkenntnis, dass ein Anbieterwechsel später teuer und mühsam wird, treiben das Thema nach oben.

Auffällig ist dabei, dass es nicht nur ums Reden bleibt. Die Studie unterscheidet zwischen Unternehmen, die bereits Geld in die Hand nehmen, und solchen, die noch planen. Dass schon 43 Prozent in der Umsetzungsphase sind, deutet darauf hin, dass das Thema die Phase der Sonntagsreden verlassen hat. Souveränität wandert von der Strategieabteilung in die Budgetplanung. Genau das ist der Unterschied zu früheren Wellen, in denen viel über Datensouveränität gesprochen, aber wenig umgesetzt wurde.

Europa soll zum wichtigsten Partner werden

Wie weit der Umbruch reicht, zeigt die Frage nach den bevorzugten KI- und Technik-Partnern. Heute liegt Nordamerika laut Studie mit 42 Prozent noch knapp vorn, Europa folgt mit 40 Prozent. Der Abstand ist klein, aber die Richtung ist klar: Künftig soll Europa mit 42 Prozent zum wichtigsten Partner werden, während Nordamerika auf 34 Prozent zurückfällt.

Damit ist nicht gesagt, dass amerikanische Technik aus den Unternehmen verschwindet. Eine solche Lesart wäre falsch. Die Befragten wollen kein Verbot, sie wollen Balance. Es geht darum, nicht alle Eier in einen Korb zu legen und bei kritischen Bausteinen eine europäische Option zu haben. Als wichtigste Stellschrauben nennen die Führungskräfte die technische Grundlage und Infrastruktur (53 Prozent) sowie die Fähigkeit, KI wirtschaftlich nutzbar zu machen und zu skalieren (52 Prozent). Souveränität und Skalierung werden also zusammengedacht, nicht gegeneinander ausgespielt.

Warum das auch kleine Betriebe angeht

An dieser Stelle winken viele Inhaber kleiner Firmen ab. Konzern-Thema, denken sie, das betrifft die Großen mit eigenen Rechenzentren und IT-Abteilungen. Diese Sicht greift zu kurz.

Digitale Souveränität bedeutet für einen Achtmann-Betrieb etwas anderes als für einen DAX-Konzern, aber die Grundfragen sind dieselbe. Wo liegen meine Daten eigentlich? Komme ich an meine Daten heran und vor allem auch wieder heraus, wenn ich das will? Kann ich den Anbieter wechseln, ohne dass mir der halbe Laden um die Ohren fliegt? Gibt es für das Werkzeug, das ich nutze, eine DSGVO-konforme oder europäische Alternative, falls ich sie eines Tages brauche?

Nimm eine Steuerkanzlei, die ihre gesamte Mandantenkommunikation und Dokumentenablage über einen einzigen US-Cloud-Dienst abwickelt. Solange alles läuft, ist das kein Problem. Ändert der Anbieter aber die Preise drastisch, stellt den Dienst ein oder sperrt ohne Vorwarnung das Konto wegen einer Verdachtsmeldung, steht die Kanzlei plötzlich ohne Zugriff auf ihre Arbeitsgrundlage da. Das ist kein theoretisches Risiko, solche Fälle gibt es. Die eigentliche Frage lautet darum weniger, ob ein US-Tool grundsätzlich taugt. Sie lautet, ob man im Ernstfall handlungsfähig bleibt.

Diese Sorge sitzt tiefer, als man denkt. Wenn ein zentrales Werkzeug ausfällt oder unzugänglich wird, geht es für einen kleinen Betrieb selten nur um Komfort. Termine platzen, Rechnungen verzögern sich, Kunden warten, und die Inhaber sitzen abends da und versuchen, irgendwie an ihre eigenen Unterlagen zu kommen. Bei einem Konzern fängt eine IT-Abteilung das ab. Beim Achtmann-Betrieb fängt es niemand auf.

Souveränität heißt nicht alles selbst machen

In unseren DigiMan-Kursen kommt das Thema regelmäßig auf, meist verkürzt zu der Frage, ob man jetzt alles auf eigene Server umziehen muss. Die Antwort darauf ist fast immer: nein. Für die wenigsten kleinen Betriebe ergibt es Sinn, eigene KI-Modelle zu betreiben oder die komplette IT selbst zu hosten. Das kostet Geld, Personal und Nerven, die anderswo besser aufgehoben sind.

Worum es geht, ist die bewusste Entscheidung statt der unbewussten Gewohnheit. Ein Werkzeug, das man heute aus Bequemlichkeit nimmt, wird morgen zur Abhängigkeit, wenn niemand je geprüft hat, was ein Wechsel kosten würde. Ein paar einfache Prüfschritte bringen schon viel: Lassen sich die eigenen Daten exportieren, und in welchem Format? Gibt es einen zweiten Anbieter, der dasselbe könnte? Sind die Verträge so gestaltet, dass man rauskommt? Wo verarbeitet das Tool personenbezogene Daten, und ist das datenschutzrechtlich sauber?

Ein kleiner Maschinenbauer im Schwarzwald hat das vor einem Jahr durchgespielt, bevor er ein KI-Tool für seine Angebotserstellung fest eingeführt hat. Statt einfach zum billigsten oder bekanntesten Anbieter zu greifen, hat er bei drei Kandidaten geprüft, ob er seine Daten jederzeit herausbekommt und ob es eine europäische Alternative gäbe. Das hat ihn zwei Stunden Recherche gekostet. Im Gegenzug weiß er heute, dass er nicht erpressbar ist, wenn der Anbieter in zwei Jahren die Preise verdoppelt. Eine kaufmännische Vorsicht, die sich bei jeder größeren Software-Entscheidung lohnt.

Diese Abwägung steckt hinter den Zahlen der BCG-Studie. Es ist die schrittweise Verschiebung von "wir nehmen halt, was alle nehmen" hin zu "wir wissen, worauf wir uns einlassen, und haben einen Plan B". Für große Unternehmen bedeutet das eigene Infrastruktur und europäische Cloud-Partner. Für den kleinen Betrieb bedeutet es vor allem: Exit-Fähigkeit prüfen, bevor man sich bindet, und bei jedem neuen Werkzeug einmal kurz fragen, was passiert, wenn es weg ist.

Wer dabei nicht weiß, wo er anfangen soll, kann sich an einer simplen Liste orientieren. Welche drei, vier digitalen Werkzeuge sind für den Betrieb wirklich kritisch? Bei welchen davon läge der Stecker komplett in fremder Hand, wenn es eng wird? Allein diese Bestandsaufnahme schafft Klarheit darüber, wo eine Abhängigkeit besteht, die man bisher gar nicht als solche wahrgenommen hat. Der Rest ergibt sich daraus fast von selbst, und meist sind es ein bis zwei Werkzeuge, bei denen sich ein zweiter Blick auf die Vertragsbedingungen und die Export-Möglichkeiten auszahlt.

Häufige Fragen

Was sagt die BCG-Studie zur Technik-Abhängigkeit?

Laut BCG-Studie von Ende Mai 2026 investieren 43 Prozent der befragten Führungskräfte bereits darin, ihre Abhängigkeit von nicht-europäischen Technikanbietern zu senken, weitere 36 Prozent planen das. Befragt wurden 555 CEOs und Senior Manager in elf europäischen Märkten, davon 130 in Deutschland. Künftig soll Europa Nordamerika als wichtigsten KI-Partner ablösen.

Muss ein kleiner Betrieb jetzt alles auf eigene Server umziehen?

Nein. Für die wenigsten kleinen Firmen lohnt es sich, eigene KI-Modelle zu betreiben oder die gesamte IT selbst zu hosten. Digitale Souveränität heißt für einen Kleinbetrieb vor allem, bewusst zu steuern, wo die Daten liegen und ob ein Anbieterwechsel möglich wäre. Es geht um Exit-Fähigkeit, nicht um Eigenbetrieb um jeden Preis.

Welche Fragen sollte ich mir vor der Einführung eines KI-Tools stellen?

Drei einfache Prüfungen bringen schon viel: Kann ich meine Daten jederzeit exportieren, und in welchem Format? Gibt es einen zweiten Anbieter, der dasselbe könnte? Sind die Verträge so gestaltet, dass ich wieder rauskomme? Dazu kommt die Frage, ob das Tool personenbezogene Daten verarbeitet und ob das datenschutzrechtlich sauber gelöst ist.

Sind US-Tools jetzt schlecht oder verboten?

Weder noch. Die Befragten in der BCG-Studie wollen kein Verbot amerikanischer Technik, sondern Balance. Es geht darum, nicht von einer Handvoll Anbieter außerhalb Europas abhängig zu sein, ohne einen Plan B zu haben. Die richtige Frage ist nicht, ob ein US-Tool gut oder schlecht ist, sondern ob man im Ernstfall handlungsfähig bleibt.

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Zuletzt aktualisiert: 16.06.2026. Stand der Recherche: 16.06.2026.