Seit Februar 2025 verpflichtet Artikel 4 des EU AI Act Unternehmen, die KI-Kompetenz ihrer Mitarbeiter sicherzustellen. Ab August 2026 beginnt die behördliche Durchsetzung. Die Pflicht klingt erst einmal vage. Was genau müssen Sie als Geschäftsführer tun? Dieser Artikel liefert eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, die Sie direkt umsetzen können.

Wichtig vorab: Es gibt kein vorgeschriebenes Format, kein Pflichtzertifikat und keine Mindestdauer. Interne Schulungen mit interner Dokumentation genügen. Die folgenden sieben Schritte helfen Ihnen, die Pflicht strukturiert und nachweisbar zu erfüllen.

Hintergrund: Was genau in Art. 4 steht und welche Haftungsrisiken drohen, lesen Sie in unserem Artikel EU AI Act Art. 4: Was die KI-Kompetenzpflicht für Ihr Unternehmen bedeutet.

Schritt 1: Bestandsaufnahme der KI-Nutzung

Bevor Sie schulen können, müssen Sie wissen, was geschult werden muss. Erstellen Sie ein KI-Inventar: eine Liste aller KI-Systeme und KI-Funktionen, die in Ihrem Unternehmen genutzt werden.

Dabei werden viele Unternehmen feststellen, dass sie mehr KI nutzen als gedacht. KI steckt heute nicht nur in offensichtlichen Tools wie ChatGPT oder Midjourney, sondern auch in:

Praktisches Vorgehen

Erstellen Sie eine einfache Tabelle:

KI-System/FunktionAbteilungNutzerRisikokategorieSchulungsbedarf
ChatGPT TeamMarketing, Vertrieb8MittelJa
Copilot für M365Alle25NiedrigJa
HubSpot Lead ScoringVertrieb4MittelJa
Personio KI-MatchingHR2HochDringend
Lexoffice BelegerfassungBuchhaltung3NiedrigJa

Diese Tabelle ist gleichzeitig der Grundstein für Ihre Dokumentation (Schritt 6).

Schritt 2: Zielgruppen und Kompetenzniveaus definieren

Nicht jeder Mitarbeiter braucht das gleiche Wissen. Art. 4 verlangt ausdrücklich, dass der "technische Hintergrund, die Erfahrung, die Ausbildung und der Einsatzkontext" berücksichtigt werden. Definieren Sie daher mindestens drei Kompetenzniveaus:

Niveau 1: Grundkompetenz (alle Mitarbeiter)

Umfang: 1-2 Stunden, einmalig plus jährliche Auffrischung.

Niveau 2: Anwenderkompetenz (regelmäßige KI-Nutzer)

Umfang: 4-8 Stunden, einmalig plus halbjährliche Updates.

Niveau 3: Expertenkompetenz (KI-Verantwortliche, IT, Entscheider)

Umfang: Mehrtägige Schulung oder strukturierte Weiterbildung.

Schritt 3: Schulungsplan erstellen

Auf Basis von Schritt 1 (was wird genutzt?) und Schritt 2 (wer braucht welches Wissen?) erstellen Sie einen konkreten Schulungsplan:

QuartalMaßnahmeZielgruppeFormat
Q2 2026KI-Grundlagen WorkshopAlle Mitarbeiter2h Online-Workshop
Q2 2026ChatGPT/Copilot AnwenderschulungMarketing, Vertrieb, Service4h Präsenz-Workshop
Q2 2026KI-Strategie und RisikobewertungGeschäftsführung, IT-Leitung1 Tag extern
Q3 2026KI-Datenschutz WorkshopHR, Datenschutzbeauftragter3h Online
Q3 2026Weiterbildung Prozessautomatisierung2-3 ausgewählte MitarbeiterAZAV-Kurs, 4 Monate
Q4 2026Auffrischung und UpdateAlle1h Online

Schritt 4: Schulung durchführen

Interne Schulung

Wenn Sie intern KI-kompetente Mitarbeiter haben, können diese ihr Wissen weitergeben. Erstellen Sie dafür Schulungsunterlagen, praktische Übungen mit den tatsächlich genutzten KI-Tools und eine interne KI-Richtlinie als Nachschlagewerk.

Vorteil: Kostengünstig, auf Ihre Systeme zugeschnitten. Nachteil: Setzt voraus, dass intern das nötige Wissen vorhanden ist.

Externe Schulung

Für Niveau 3 (Expertenkompetenz) oder wenn intern das Wissen fehlt, lohnt sich eine externe Weiterbildung. Achten Sie auf AZAV-Zertifizierung des Anbieters (Voraussetzung für Förderung über das Qualifizierungschancengesetz), Praxisorientierung und Aktualität.

Blended Learning

In der Praxis bewährt sich oft eine Kombination: E-Learning-Module für Grundlagen (Niveau 1), Präsenz-Workshops für Anwender (Niveau 2) und eine strukturierte Weiterbildung für Experten (Niveau 3).

Schritt 5: Interne KI-Richtlinie erstellen

Parallel zur Schulung sollten Sie eine interne KI-Richtlinie erstellen, die für alle Mitarbeiter verbindlich ist:

Schritt 6: Alles dokumentieren

Die Dokumentation ist der Kern Ihrer Compliance. Ohne Nachweis können Sie im Streitfall nicht belegen, dass Sie Ihre Pflicht nach Art. 4 erfüllt haben. Dokumentieren Sie:

Schritt 7: Regelmäßig aktualisieren

Bestimmen Sie einen KI-Verantwortlichen im Unternehmen, der diese Aufgaben koordiniert. Das muss keine Vollzeitstelle sein.

Zusammenfassung: Die 7 Schritte auf einen Blick

SchrittAufgabeZeitaufwandErgebnis
1KI-Bestandsaufnahme2-4 StundenKI-Inventar
2Kompetenzniveaus definieren1-2 StundenZielgruppen-Matrix
3Schulungsplan erstellen2-3 StundenKonkreter Zeitplan
4Schulung durchführenJe nach UmfangGeschulte Mitarbeiter
5KI-Richtlinie erstellen4-8 StundenVerbindliches Dokument
6Dokumentation anlegen1-2 StundenCompliance-Nachweis
7Update-Zyklus planen1 StundeJährlicher Rhythmus

Für ein Unternehmen mit 20-50 Mitarbeitern ist die gesamte Umsetzung in 4-6 Wochen realistisch, ohne dass das Tagesgeschäft darunter leidet.

Welche KI-Tools für Ihr Unternehmen am besten geeignet sind und wie Sie konkrete Prozesse mit KI automatisieren, erfahren Sie in unseren weiterführenden Artikeln.

Häufige Fragen

Muss ich jeden Mitarbeiter schulen, auch wenn er keine KI nutzt?
Nein. Art. 4 bezieht sich auf Personal, das mit KI-Systemen arbeitet oder daran beteiligt ist. In der Praxis wird das allerdings eine schrumpfende Gruppe: Schon die Nutzung von Spam-Filtern oder automatischer Textkorrektur kann als KI-Einsatz gewertet werden. Eine kurze Grundlagenschulung für alle ist daher empfehlenswert.
Muss ich einen externen Anbieter beauftragen?
Nein. Art. 4 schreibt kein externes Training und kein Zertifikat vor. Interne Schulung mit interner Dokumentation reicht aus. Externe Anbieter sind sinnvoll, wenn intern das Wissen fehlt oder wenn Sie einen unabhängigen Nachweis haben möchten. Zudem können externe AZAV-zertifizierte Weiterbildungen über das Qualifizierungschancengesetz gefördert werden.
Was kostet die Umsetzung?
Die interne Umsetzung (Schritte 1-3, 5-7) kostet vor allem Arbeitszeit. Für die eigentliche Schulung (Schritt 4) hängen die Kosten vom gewählten Format ab: intern fast nichts, extern je nach Anbieter und Umfang. Über das Qualifizierungschancengesetz zahlt der Staat für KMU mit weniger als 10 Mitarbeitern bis zu 100% der Weiterbildungskosten.
Gibt es eine Mindestdauer für die Schulung?
Nein. Art. 4 definiert keine Mindestdauer. Die Schulung muss dem Einsatzkontext und dem Risiko angemessen sein. Für die reine Grundkompetenz (Niveau 1) reichen 1-2 Stunden. Für vertiefte Anwenderkompetenz (Niveau 2) sind 4-8 Stunden sinnvoll. Für Expertenwissen (Niveau 3) empfiehlt sich eine mehrtägige oder mehrwöchige Weiterbildung.

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