Auf einen Blick: KI im Maklerbetrieb spart Zeit bei Vergleichsrechner-Auswertung, Beratungsprotokoll, Bedarfsanalyse und Schadenmeldungen. Die Letzt-Verantwortung nach § 61 VVG bleibt beim Makler. BaFin verlangt seit dem Rundschreiben 2024 Erklärbarkeit, interne Kontrollen und regelmäßige Prüfung der eingesetzten Modelle.

Ein Maklerbüro mit 220 Bestandskunden bekommt im Schnitt vier neue Anfragen pro Tag, drei Schadenmeldungen pro Woche und sitzt nebenbei an Beratungsprotokollen, die nach § 61 VVG sauber dokumentiert sein müssen. Vor zwei Jahren hat das ein Inhaber mit zwei Mitarbeitern noch geschafft. Seit der IDD-Umsetzung sind die Dokumentationspflichten enger, das Produktangebot größer, die Kunden ungeduldiger. Genau hier setzt KI an, aber nicht so, wie viele Maklerinhaber denken.

Wer 2026 in Versicherungsmaklerschaft KI einsetzen will, muss zwei Dinge wissen: was die Technik im Maklerbetrieb wirklich entlastet, und wo sie regulatorisch rote Linien hat. Der zweite Punkt ist seit dem BaFin-Rundschreiben 2024 deutlich klarer geworden, der erste ist Erfahrungssache.

Use Case 1: Vergleichsrechner-Auswertung

Maklerportale wie Mr-Money, Smart-Insur-Tech oder MORGEN & MORGEN liefern in Sekunden Tarifvergleiche, aber das Ergebnis ist roh. Eine Lebensversicherung mit 47 Spalten, eine BU mit 32 Klauseln, eine Wohngebäudepolice mit 18 Bausteinen. Der Makler muss daraus eine Empfehlung machen, die zum Kundenbedarf passt und nach § 61 VVG dokumentiert ist.

KI kann das Vergleichs-Ergebnis automatisiert zusammenfassen, Abweichungen zwischen den Top-3-Tarifen hervorheben und Hinweise auf strittige Klauseln geben (Ausschluss bei psychischen Erkrankungen, Karenzzeit, Nachversicherungsgarantie). Das spart pro Beratung 20 bis 40 Minuten Vorbereitung.

In einer typischen Auswertung sieht das so aus:

Element Manuell Mit KI-Auswertung
Vergleich öffnen, Top-3 markieren 5 Min 2 Min
Klausel-Unterschiede dokumentieren 25 Min 5 Min
Empfehlungstext für Kunde formulieren 15 Min 5 Min (Entwurf)
Prüfung und Freigabe durch Makler 10 Min 10 Min
Gesamt pro Beratung 55 Min 22 Min

Die zehn Minuten am Ende bleiben gleich. Der Makler liest, prüft, korrigiert, gibt frei. Das ist nicht verhandelbar. Die Zeitersparnis liegt in der Vorbereitung.

Use Case 2: Beratungsprotokoll nach § 61 VVG

Das Beratungsprotokoll ist der Klassiker. Nach § 61 VVG muss der Makler den Anlass der Beratung, die Wünsche und Bedürfnisse des Kunden, den erteilten Rat und die Gründe dafür dokumentieren. Wer das nicht tut oder nur lückenhaft macht, haftet bei Streit.

In der Praxis schreiben viele Makler das Protokoll abends nach dem Termin aus dem Gedächtnis. Das ist riskant. KI kann hier viel: das Gespräch mit Einverständnis transkribieren, daraus ein strukturiertes Erstprotokoll generieren, die genannten Wünsche und Bedürfnisse extrahieren und einen Empfehlungsbegründungs-Block schreiben.

Wichtig ist die Reihenfolge. KI generiert den Entwurf. Der Makler prüft, ergänzt, korrigiert. Erst dann geht das Protokoll an den Kunden. Wer den KI-Entwurf ungeprüft rausschickt, hat ein Problem, sobald eine Klausel falsch wiedergegeben ist.

Die Umsetzung der IDD in den §§ 59 ff. VVG verlangt zusätzlich, dass Wünsche und Bedürfnisse explizit dokumentiert sind. KI hilft, diese Anforderung systematisch zu erfüllen, indem sie aus dem Gesprächs-Transkript die relevanten Stellen markiert und in einer strukturierten Form ablegt.

Wir sehen in der Praxis, dass gerade kleine Maklerbüros bei der Dokumentation am meisten gewinnen. Wer drei Beratungen am Tag macht, spart mit einem KI-gestützten Workflow rund zwei Stunden Schreibarbeit, die in Akquise oder Bestandspflege fließen.

Use Case 3: Bedarfsanalyse

Eine ordentliche Bedarfsanalyse braucht 60 bis 90 Minuten und folgt einer Struktur. Familie, Beruf, Einkommen, Vermögen, bestehende Verträge, Risiken, Lebensphase. Wer Standardfragebögen nutzt, kennt das: viele Felder, die ineinandergreifen, leichte Doppelungen, am Ende eine Lücke, die niemandem aufgefallen ist.

KI strukturiert die Kundenfragen, schlägt passende Produkte vor und prüft auf Doppelungen und Lücken. Die Logik ist einfach. Aus den genannten Daten ergeben sich Anforderungen, aus den Anforderungen Produktvorschläge. Die KI kennt keine Provisionen, also schlägt sie vor, was der Bedarf hergibt, nicht was die höchste Courtage bringt.

Genau darin liegt ein interessanter Nebeneffekt. Maklerinhaber, die KI-gestützte Bedarfsanalysen nutzen, dokumentieren oft besser als vorher, weil das System die Vollständigkeit sichtbar macht. Eine fehlende Berufsunfähigkeit fällt im KI-Vorschlag sofort auf, im manuellen Fragebogen oft nicht.

Was die KI nicht kann: einschätzen, ob der Kunde überhaupt versteht, was er da unterschreibt. Das bleibt das eigentliche Maklergeschäft.

Use Case 4: Schaden-Tracking und Klassifikation

Schadenmeldungen kommen per Mail, Telefon, WhatsApp, manchmal als Foto. Der Makler muss sie aufnehmen, klassifizieren, an den richtigen Versicherer weiterleiten und dem Kunden eine erste Antwort geben. Das ist hochgradig automatisierbar.

KI klassifiziert die Schadenmeldung nach Sparte (Kfz, Haftpflicht, Hausrat, Gebäude, Rechtsschutz), leitet sie automatisch an den passenden Versicherer weiter und erstellt einen Erstantwort-Entwurf für den Kunden. Bei einem mittelgroßen Maklerbüro mit 800 Bestandskunden geht es um 200 bis 300 Schadenmeldungen pro Jahr. Die Zeitersparnis pro Meldung liegt bei 15 bis 25 Minuten.

Praktisch heißt das: Kunde schickt Foto vom Blechschaden an die Makler-Mailadresse. KI erkennt Kfz-Haftpflichtschaden, ordnet dem Versicherer und Vertrag zu, fragt nach Datum, Ort und Schadenhergang. Sobald die Antwort da ist, generiert sie die Schadenmeldung für den Versicherer und einen Bestätigungs-Entwurf für den Kunden. Der Makler prüft, korrigiert, gibt frei.

Die Klassifikation muss überwacht werden. Ein Brandschaden falsch als Hausratschaden weitergeleitet kann teuer werden. Im Setup gehört eine Eskalationsregel rein: alle Schäden über einer bestimmten Summe oder bestimmter Komplexität (Personenschaden, Großschaden, Sachverständigen-Pflicht) gehen direkt an den Makler ohne KI-Vorbearbeitung.

Use Case 5: Kundenbindung und Wiedervorlage

Bestandspflege ist im Maklergeschäft der unterschätzte Hebel. Jeder Versicherungsmakler weiß, dass Bestandskunden mehr Courtage bringen als Neukunden, aber wer macht systematisch Wiedervorlage? In den meisten Büros niemand.

KI kann Wiedervorlage-Anlässe automatisch erkennen: Ablauf einer Hausratversicherung, Geburtstag mit relevantem Schwellenwert (50, 60), Vertragsanpassung wegen Lebensereignis (Heirat, Geburt, Hauskauf), Beitragserhöhung des Versicherers über einem definierten Prozentsatz. Das System legt einen Wiedervorlage-Termin im CRM an, schreibt einen kurzen Anschreiben-Entwurf und priorisiert nach Courtage-Potenzial.

Das ist keine Magie. Das ist saubere Datenarbeit, die sich aus den vorhandenen Vertragsdaten ableiten lässt. Wer das einmal eingerichtet hat, läuft permanent. Drei zusätzliche Vertragsabschlüsse pro Monat aus Bestandspflege sind bei einem 800-Kunden-Bestand realistisch und decken die Setup-Kosten innerhalb eines halben Jahres.

Was VVG, IDD, VAG und BaFin verlangen

Wer KI im Maklerbetrieb einsetzt, sollte vier Regelwerke kennen.

VVG § 61 verpflichtet den Makler zur anlassbezogenen Beratung und Dokumentation. Wer die Beratung durch KI vorbereiten lässt, muss trotzdem als verantwortlicher Makler unterschreiben. Letzt-Verantwortung bleibt beim Menschen, nicht bei der KI.

IDD-Umsetzung in §§ 59 ff. VVG verlangt explizit, dass Wünsche und Bedürfnisse dokumentiert sind. Eine KI-Bedarfsanalyse erfüllt das nur, wenn das Protokoll am Ende vom Makler geprüft und freigegeben wurde.

VAG § 48a regelt die organisatorischen Anforderungen an Vertriebsgesellschaften. KI-Einsatz muss in das Risikomanagement integriert sein. Das bedeutet konkret: dokumentierte Verfahren, definierte Verantwortlichkeiten, regelmäßige Überprüfung der Modelle.

DSGVO, besonders Art. 22 zu automatisierten Entscheidungen und Art. 9 zu besonderen Kategorien personenbezogener Daten. Versicherungsdaten enthalten oft Gesundheitsdaten, die nach Art. 9 DSGVO besonders geschützt sind. Verarbeitung durch KI braucht eine ausdrückliche Rechtsgrundlage, in den meisten Fällen die Einwilligung des Kunden.

Das BaFin-Rundschreiben 2024 zu KI-Modellen in der Versicherungswirtschaft ergänzt das mit konkreten Anforderungen an Erklärbarkeit, interne Kontrollen und regelmäßige Prüfung. Wer KI-Modelle einsetzt, muss erklären können, wie sie zu Ergebnissen kommen, und das nicht nur einmal, sondern fortlaufend. Black-Box-Modelle ohne Erklärungskomponente sind im regulierten Maklerbetrieb problematisch.

Praxisbeispiel: Bilfinger & Partner Versicherungsmakler GmbH, Stuttgart

Ein fiktives, aber typisches Setup. Bilfinger & Partner führt 850 Bestandskunden in den Sparten Komposit und Leben. Fünf Mitarbeiter, zwei Inhaber, ein Innendienst mit Schwerpunkt Schaden, eine Sekretärin, ein Junior-Berater.

Der Innendienst hat bisher rund 18 Stunden pro Woche mit Schadenmeldungs-Routing verbracht. Mailbox sichten, Schäden klassifizieren, an Versicherer weiterleiten, Kunden bestätigen. Seit Februar 2026 läuft ein KI-System, das eingehende Mails klassifiziert und Entwürfe für Erstantwort und Versicherer-Meldung erstellt. Innendienst prüft und gibt frei.

Nach drei Monaten Auswertung: 14 Stunden pro Woche eingespart, die in Vertragsoptimierung und Bestandspflege fließen. Drei zusätzliche Abschlüsse pro Monat in der Bestandsanalyse. Eine Beschwerde wegen Falschklassifikation, die intern eskaliert wurde, ohne Kundenschaden.

Was haben sie nicht automatisiert: persönliche Beratungsgespräche, Vertragsverhandlungen, Schäden über 25.000 Euro, alles was nach SCHUFA-Daten oder Gesundheitsfragebögen riecht. Diese Grenze haben sie bewusst gezogen, nicht aus Tech-Mangel, sondern aus Berufshaftungs-Logik.

Die Inhaber zahlen 4.200 Euro Setup, 480 Euro pro Monat. Bei den eingesparten 14 Stunden Innendienst pro Woche und einem Vollkostensatz von 38 Euro die Stunde rechnet sich das in zwei Monaten.

Wer das unterschätzt

Wir sehen in der Beratung mit Maklern regelmäßig den gleichen Reflex: "Wir setzen KI ein, sobald es einfach geht." Das ist die falsche Reihenfolge.

Die richtige Reihenfolge im Maklerbetrieb ist: erst klären, welche Anwendungsfälle wirklich rechtlich sauber sind. Dann Risikomanagement nach VAG § 48a aufsetzen, AVV mit dem KI-Anbieter schließen, DSGVO-Folgenabschätzung machen wo nötig, Datenschutzerklärung anpassen, Mitarbeiter schulen, Pilotbetrieb starten, BaFin-konforme Dokumentation pflegen. Wer das macht, hat in vier bis sechs Wochen ein produktives Setup. Wer "einfach mal anfängt", hat in drei Wochen ein Haftungsproblem.

Genau das ist auch der Grund, warum es bei Versicherungsmaklern weniger um Tool-Auswahl geht und mehr um Strukturarbeit. Welche Prozesse sind dokumentationspflichtig? Wo darf KI vorbereiten, wo muss der Mensch unterschreiben? Wer das im eigenen Betrieb klar hat, kann die Tools fast frei wählen. Wer das nicht hat, wählt das falsche Tool und merkt es zu spät.

Wer KI im eigenen Maklerbetrieb systematisch einsetzen will, findet auf der Pillar-Seite zum Digitalisierungsmanager die vollständige Implementierungs-Logik für KMU, inklusive Risikomanagement und Compliance-Aufstellung.

Häufige Fragen

Darf KI ein Beratungsprotokoll nach § 61 VVG eigenständig erstellen?

Sie darf einen Entwurf erstellen, nicht das finale Protokoll. Die Pflicht zur Beratungsdokumentation nach § 61 VVG ist eine Maklerpflicht. Der Makler muss prüfen, ergänzen, korrigieren und unterschreiben. KI ist hier Vorbereitungs-Werkzeug, nicht Entscheidungs-Träger. Wer ungeprüfte KI-Protokolle rausschickt, haftet bei Falschangaben voll, ohne KI-Ausrede.

Welche Pflichten ergeben sich aus dem BaFin-Rundschreiben 2024 zu KI?

Erklärbarkeit der Modelle, dokumentierte interne Kontrollen, regelmäßige Prüfung der Ergebnisse, Integration in das Risikomanagement nach VAG § 48a. Konkret heißt das: Wer KI einsetzt, muss erklären können, wie das Modell zu seinen Empfehlungen kommt. Black-Box-Modelle ohne Nachvollziehbarkeit sind im regulierten Vermittlerbetrieb problematisch.

Brauche ich für KI-Schadenklassifikation eine Datenschutz-Folgenabschätzung?

In der Regel ja, sobald die KI personenbezogene Daten in größerem Umfang automatisiert verarbeitet. Art. 35 DSGVO verlangt eine DSFA, wenn die Verarbeitung voraussichtlich ein hohes Risiko für die Rechte der Betroffenen birgt. Bei Schadenmeldungen mit Gesundheits- oder Vermögensdaten ist das schnell der Fall. Eine DSFA ist kein Hexenwerk, sollte aber dokumentiert vorliegen, bevor das System produktiv geht.

Kann ich Vergleichsrechner-Auswertungen von KI machen lassen, ohne dass der Kunde davon weiß?

Du musst den Kunden nicht über jeden technischen Verarbeitungsschritt informieren, aber die Datenschutzerklärung sollte den KI-Einsatz benennen. Wenn die KI auf personenbezogenen Kundendaten arbeitet, greift Art. 13 DSGVO mit den Informationspflichten. Bei rein internen Auswertungen (Vergleich anonymisierter Tarife) sind die Anforderungen niedriger als bei kundenindividuellen Auswertungen mit personenbezogenen Daten.

Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist promovierter Wirtschaftspädagoge, Erwachsenenbildner und Geschäftsführer von SkillSprinters by Dr. Aichinger. Er bildet seit über 15 Jahren Berufstätige, Fachkräfte und Quereinsteiger weiter, hat über 70 Fachbücher zu Prüfungsvorbereitung und Karrierethemen veröffentlicht und betreibt mit SkillSprinters einen der digital am stärksten wachsenden Bildungsträger im DACH-Raum.

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Zuletzt geprüft am 26. Mai 2026.

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