KI in der Wirtschaftsprüfung spart dir 15 bis 25 Prozent der Prüfungszeit, und zwar bei mindestens gleich bleibender Prüfungsqualität. Das ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern bei den Big Four längst Standard und bei mittelständischen WP-Kanzleien gerade im Anrollen. Die fünf Stellen, an denen sich der Einsatz am schnellsten rechnet, sind Risiko-Identifikation, Stichprobenziehung, Saldenbestätigungen, IT-Prüfung und die Anhang-Prüfung. Das Prüfungsurteil bleibt dabei immer beim Menschen. Daran ändert kein Tool etwas, und das IDW hat mit dem EPS 815 genau das festgeschrieben.
Auf einen Blick: Wirtschaftsprüfer nutzen KI an fünf Stellen mit konkretem Mehrwert: Risiko-Identifikation aus BWA und Hauptbuchungen, intelligente Stichprobenziehung statt klassischer Zufallsauswahl, automatisierter Versand und Auswertung von Saldenbestätigungen, IT-Prüfung mit Continuous Auditing und die Anhang-Prüfung per RAG. Das IDW hat 2024 den Entwurf EPS 815 zur KI in der Abschlussprüfung vorgelegt. Realistische Zeitersparnis liegt bei 15 bis 25 Prozent der Prüfungszeit. Die Beurteilung und das Testat verantwortet weiterhin der Berufsträger.
Worum es bei der ganzen Diskussion nicht geht: KI ersetzt nicht den Prüfer. Sie räumt ihm das Tippen, Sortieren und Abhaken weg, damit er die Zeit für die eigentliche Beurteilung hat. Wer das umgekehrt versteht, baut sich ein Compliance-Problem.
Use Case 1: Risiko-Identifikation aus dem gesamten Datenbestand
Früher hast du den Prüfungsplan auf Basis von Erfahrung, Vorjahresdaten und einer Stichprobe der Hauptbuchungen aufgesetzt. KI dreht das um. Sie liest die komplette BWA, die GuV und sämtliche Hauptbuchungen ein und meldet, was auffällt: ungewöhnliche Buchungen am Bilanzstichtag, Buchungen außerhalb der Geschäftszeiten, runde Beträge ohne Beleg, Cluster bei bestimmten Konten, Pattern-Breaks im Jahresvergleich.
Das ist der ideale Input für die Risikobeurteilung nach ISA 315 (revised 2019). Der Standard verlangt von dir, Risiken wesentlicher falscher Darstellungen zu identifizieren und zu beurteilen. KI liefert dir die Kandidaten, die ein Mensch bei 200.000 Buchungssätzen nie alle prüft. Die Beurteilung, ob daraus ein Prüfungsrisiko folgt, triffst du selbst. Die Maschine zeigt nur mit dem Finger.
In der Praxis sehen wir bei Prüfungsleitern, dass genau diese Vorab-Anomalie-Analyse die ersten zwei Tage einer Abschlussprüfung deutlich entlastet. Statt erst das Material zu durchforsten, gehst du mit einer Liste von 30 priorisierten Auffälligkeiten in den Prüfungsplan.
Use Case 2: Intelligente Stichprobenziehung
Das klassische Monetary Unit Sampling zieht Stichproben nach Betragshöhe. KI ermöglicht eine risikobasierte Auswahl, die zusätzliche Merkmale einbezieht: Buchungszeitpunkt, Gegenkonto, beteiligter Sachbearbeiter, Abweichung vom Vorjahr. Der IDW PS 230 regelt die Prüfungsplanung und das Stichprobenverfahren, und KI fügt sich hier als Werkzeug ein, das die Auswahlkriterien präzisiert.
Der Effekt ist nicht weniger Prüfung. Es ist gezieltere Prüfung. Du prüfst dieselbe Zahl an Belegen, aber die Stichprobe trifft mit höherer Wahrscheinlichkeit die kritischen Fälle. Bei einem mittelständischen Mandanten mit 40.000 Belegen pro Jahr ist das der Unterschied zwischen einer Stichprobe, die rauscht, und einer, die sitzt.
Wer das einführt, sollte die Auswahllogik dokumentieren können. Genau das verlangt das IDW.
Use Case 3: Saldenbestätigungen automatisieren
Saldenbestätigungen sind Fleißarbeit. Anschreiben formulieren, Adressen pflegen, versenden, Rückläufe abgleichen, Abweichungen nachhalten. KI übernimmt den kompletten Versandtext, schickt die Anfragen per E-Mail raus, parst die eingehenden Antworten und meldet dir nur die Fälle, in denen der bestätigte Saldo vom Buchwert abweicht.
Was vorher eine Woche Sachbearbeitung war, schrumpft auf einen Tag Kontrolle. Du schaust dir nur noch die Abweichungen an und entscheidest, ob sie prüfungsrelevant sind. Der Versand selbst muss menschlich freigegeben werden, weil es um direkte Mandanten- und Drittkommunikation geht. Aber die Vorbereitung macht das System.
Use Case 4: IT-Prüfung und Continuous Auditing
Hier verschiebt sich das Prüfungsmodell am stärksten. Bei klassischer Stichprobenprüfung schaust du dir einen Ausschnitt des Datenbestands an. Continuous Auditing analysiert den gesamten Bestand laufend. KI übernimmt die Anomalie-Detection in den IT-Systemen des Mandanten, prüft Berechtigungskonzepte, deckt unzulässige Funktionstrennungen auf und meldet Zugriffe, die nicht zur Rolle passen.
Für die IT-gestützte Abschlussprüfung ist das ein echter Hebel, weil du näher an die Vollerhebung kommst, ohne die Prüfungszeit zu vervielfachen. Gerade Berechtigungs- und Zugriffsanalysen, die ein Mensch nur stichprobenartig schafft, deckt eine Maschine flächendeckend ab. Du prüfst nicht mehr 50 von 5.000 Zugriffsrechten, sondern alle 5.000 und schaust dir nur die 15 Treffer an.
Use Case 5: Anhang-Prüfung per RAG
Die Anhang-Prüfung ist Detektivarbeit. Stimmt jede Angabe im Anhang mit dem überein, was in der Prüfakte und in der Mandantenkommunikation steht? KI-Tools mit RAG-Funktion (Retrieval Augmented Generation) durchsuchen die gesamte Prüfakte und gleichen Anhang-Angaben gegen Belege, Verträge und E-Mail-Verlauf ab. Inkonsistenzen, etwa eine im Anhang genannte Haftungsverhältnis-Summe, die nicht zur Vertragslage passt, werden sichtbar.
Das ersetzt nicht dein Urteil über die Vollständigkeit und Richtigkeit des Anhangs. Es liefert dir aber eine Vorab-Plausibilisierung, die du sonst Seite für Seite per Hand machst. Bei umfangreichen Konzern-Anhängen ist das der Punkt, an dem die meiste Zeit verloren geht.
Was das IDW und die Berufspflichten verlangen
Der IDW EPS 815 ist 2024 als Entwurf zur Anwendung von KI in der Wirtschaftsprüfung erschienen. Die Kernaussage ist nüchtern: Du darfst KI einsetzen, aber du musst dokumentieren, welche Tools du genutzt hast, wie du die Outputs validiert hast und wer das Prüfungsurteil verantwortet. Die Maschine ist Werkzeug, der Prüfer bleibt der Prüfer.
Drei berufsrechtliche Punkte solltest du dabei im Auge behalten. Die Unabhängigkeit nach WPO § 43: Wenn du für die Prüfung auf ein Tool angewiesen bist, kann eine Abhängigkeit zum Anbieter entstehen, die du im Rahmen deiner Risikobeurteilung prüfen musst. Das Berufsgeheimnis nach WPO § 43a: Mandanten-Daten dürfen nicht über unsichere KI-Tools laufen. Cloud-Lösungen brauchen einen Auftragsverarbeitungsvertrag, und ein Hosting in Deutschland oder der EU ist klar zu bevorzugen. Und die Dokumentationspflicht, die jeden KI-Schritt nachvollziehbar machen muss.
Ein Wort zur KI-Verordnung, weil das immer wieder gefragt wird. KI-Systeme in der Wirtschaftsprüfung fallen in aller Regel nicht unter den Hochrisiko-Anhang III des EU AI Act, weil sie nicht in den dort genannten sensiblen Bereichen wirken. Was aber gilt: die KI-Kompetenzpflicht nach Art. 4 KI-VO, in Kraft seit dem 2. Februar 2025. Wer in der Kanzlei KI einsetzt, muss sicherstellen, dass die Anwender über ausreichendes Verständnis verfügen. Das ist keine Kür, sondern Pflicht.
Welche Tools 2026 im Einsatz sind
Die Big Four arbeiten mit proprietären Lösungen. Deloitte hat Argus, PwC nutzt Aura und Aleph, EY setzt Helix ein. Diese Systeme sind nicht am freien Markt zu haben. Für kleine und mittlere WP-Kanzleien gibt es andere Wege.
- Caseware IDEA mit KI-Funktion für Datenanalyse und Stichprobenziehung, das verbreitetste Prüfungs-Werkzeug außerhalb der Big Four
- Smacc und Klippa für Belegextraktion und Dokumentenverarbeitung
- Lexware Office mit WP-Modul für kleinere Mandate
- Eigene RAG-Systeme auf Basis gehosteter Sprachmodelle für die Anhang- und Aktenprüfung
Welcher Stack passt, hängt an der Mandatsstruktur. Eine Kanzlei mit vielen kleinen Mandaten braucht Belegautomation. Eine mit großen Konzern-Mandaten braucht Continuous Auditing und RAG.
Ein konkretes Bild aus der Praxis: Die WP-Kanzlei Hoffmann und Steinbruch, mittlere Größe, rund 120 Prüfmandate, hat drei Prüfungsleiter mit Caseware IDEA arbeiten lassen. Das Ergebnis nach einer Prüfungssaison waren 18 Prozent weniger Prüfungszeit bei stabiler Prüfungsqualität. Kein Stellenabbau, sondern mehr Mandate mit demselben Team.
Genau das ist der Punkt, an dem ich eine klare Haltung habe. KI in der Wirtschaftsprüfung ist kein Bedrohungsszenario für den Berufsstand. Sie ist die einzige realistische Antwort auf zwei Probleme, die der Berufsstand seit Jahren vor sich herschiebt: die wachsende Prüfungsmenge und der Fachkräftemangel. Wer heute keine drei jungen Prüfungsassistenten findet, kann die Prüfungsmenge nur mit Werkzeugen halten. Die Frage ist nicht ob, sondern wie sauber dokumentiert.
Häufige Fragen
Darf ich Prüfungsergebnisse durch KI ersetzen?
Nein. KI darf vorbereiten, analysieren und vorschlagen, aber das Prüfungsurteil und das Testat verantwortet der Berufsträger persönlich. Der IDW EPS 815 ist hier eindeutig. Jeder KI-Output muss von dir validiert werden, bevor er in die Prüfungsdokumentation einfließt.
Was sagt das IDW konkret zum KI-Einsatz?
Das IDW hat 2024 den Entwurf EPS 815 zur Anwendung von KI in der Abschlussprüfung vorgelegt. Er verlangt, dass du den Einsatz von KI-Tools dokumentierst, ihre Verlässlichkeit bewertest und die Validierung der Outputs nachvollziehbar machst. KI ist als unterstützendes Werkzeug zulässig, aber nicht als Ersatz für die prüfungstechnische Urteilsbildung.
Welche Tools sind ISA-konform?
Konform ist nicht das Tool, sondern dein Vorgehen damit. Caseware IDEA, Smacc oder eigene RAG-Systeme sind mit ISA 315 und IDW PS 230 vereinbar, solange du die Auswahllogik dokumentierst und die Outputs prüferisch würdigst. Achte bei jedem Tool darauf, dass die Datenverarbeitung dem Berufsgeheimnis nach WPO § 43a genügt.
Wie dokumentiere ich den KI-Einsatz?
Halte fest, welches Tool für welchen Prüfungsschritt eingesetzt wurde, welche Daten es verarbeitet hat, wie du das Ergebnis validiert hast und wer die finale Beurteilung verantwortet. Diese Dokumentation gehört in die Arbeitspapiere und macht den KI-Einsatz auch gegenüber der Wirtschaftsprüferkammer nachvollziehbar.
Sind meine Mandantendaten in der Cloud sicher?
Nur mit den richtigen Vorkehrungen. Mandanten-Daten unterliegen dem Berufsgeheimnis nach WPO § 43a und der DSGVO. Cloud-Lösungen brauchen einen Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO, und ein Hosting in Deutschland oder der EU ist klar vorzuziehen. Frei zugängliche Consumer-Tools ohne Geschäftskunden-Vertrag sind für Mandantendaten tabu.
Wer als Prüfungsleiter oder Sachbearbeiter den KI-Einsatz in der Kanzlei sauber aufsetzen will, kommt um eine strukturierte Qualifizierung nicht herum, weil die KI-Kompetenzpflicht nach Art. 4 KI-VO seit Februar 2025 gilt. Die Logik der hier beschriebenen Hebel, von der Anomalie-Erkennung bis zum Continuous Auditing, überschneidet sich stark mit dem, was auch in Steuerkanzleien an KI-Use-Cases sinnvoll ist. Wenn du das nicht nur punktüll nutzen, sondern Prozessautomatisierung systematisch in der Kanzlei aufbauen willst, lohnt der Blick auf die Weiterbildung zum Digitalisierungsmanager, die genau diese Brücke von der Technik zur sauberen, dokumentierten Implementierung schlägt.
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